8. Modul 8 · Evaluation & der Pflegeprozess

Evaluation
ca. 45 Minutenim eigenen TempoRechtsstand: Oktober 2026Quellen nach APA 7

Wirkt, was wir tun? Der Kreis schließt sich

Die Evaluation ist das vierte Element und schließt den Pflegeprozess. Sie fragt: „Wirken unsere Maßnahmen? Passt das Ziel, auf das wir uns mit der Person verständigt haben, noch? Was müssen wir anpassen?" Ohne Evaluation bleibt jeder Plan ein starres Dokument; mit ihr wird Pflege zum lernenden Prozess. Evaluation erfolgt im Strukturmodell in der Regel anlassbezogen – immer dann, wenn sich etwas Relevantes verändert. Feste Zeitpunkte gibt es nur dort, wo sie fachlich sinnvoll sind, etwa bei befristeten Beobachtungen, bei Pflegevisiten oder wenn in einer stabilen Situation längere Zeit nichts berichtet wurde; schematische Routine-Evaluationen sind nicht vorgesehen. Der wichtigste Auslöser ist nicht der Kalender, sondern die Veränderung im Zustand der Person.

Der Pflegeprozess ist damit kein einmaliger Vorgang, sondern ein Regelkreis, der sich immer wieder dreht. Das Bild des Regelkreises ist der Kybernetik bzw. Regelungstechnik entlehnt; das Strukturmodell stützt sich auf das vierphasige Pflegeprozessmodell (Einschätzen, Planen, Durchführen, Bewerten). Dieses Bild hat sich in der Pflege bewährt, weil es der Wirklichkeit gerecht wird: Menschen verändern sich, Krankheiten schreiten fort oder bessern sich, Wünsche wandeln sich. Eine Pflege, die einmal plant und dann nur noch abarbeitet, wird der Person nach kurzer Zeit nicht mehr gerecht. Die Evaluation ist der Moment, in dem Pflege innehält und fragt: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Sie ist damit das Gewissen des Pflegeprozesses.

Lernziele dieses Moduls

  • Sie verstehen Evaluation als Abschluss und Neubeginn des Pflegeprozesses.
  • Sie erkennen Anlässe für eine Aktualisierung.
  • Sie überprüfen Maßnahmen auf Wirksamkeit.
  • Sie passen den Maßnahmenplan bei Veränderung an und schreiben bei gravierenden Veränderungen auch die SIS fort.
Der Regelkreis des PflegeprozessesDie Evaluation schließt den Kreis – und eröffnet ihn neuPflege-prozess1EinschätzenSIS2PlanenMaßnahmenplan3Durchführenberichten im Berichteblatt4BewertenEvaluationbei Bedarf neu einschätzen → 1
Abbildung: Der Regelkreis aus Einschätzen, Planen, Durchführen und Berichten sowie Bewerten. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.

Anlässe für eine Aktualisierung

Zu aktualisieren ist immer dann, wenn eine relevante Veränderung eintritt: neue Diagnose, Krankenhausaufenthalt, Sturz mit Folgen, deutliche Verbesserung oder Verschlechterung, neue Wünsche der Person, veränderte Risiken. Solche Ereignisse zeigen sich zuerst im Berichteblatt – die Häufung von Abweichungen ist ein starkes Signal, dass der Plan nicht mehr passt. Dann wird evaluiert. Meist genügt der kleine Evaluationskreis: Die Erkenntnisse aus dem Berichteblatt führen direkt zur Anpassung des Maßnahmenplans – die SIS muss dafür nicht jedes Mal geändert werden. Erst bei gravierenden Veränderungen, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt mit deutlich verändertem Hilfebedarf, führt der große Evaluationskreis zurück zur SIS: neues Gespräch, neue Einschätzung, neu ausgerichteter Maßnahmenplan. Das Berichteblatt und die Evaluation sind damit eng verzahnt: Das eine sammelt die Signale, das andere zieht die Konsequenzen.

Kleiner und großer EvaluationskreisZwei Wege, Veränderungen in die Dokumentation zu übernehmenKleiner Evaluationskreisder Regelfall im AlltagAnlass: Erkenntnisse ausdem Berichteblatteinzelne Maßnahmen werdenim Plan angepasstdie SIS bleibt bestehenGroßer Evaluationskreisdie AusnahmeAnlass: gravierende Veränderung,z. B. nach Krankenhausaufenthaltneues Gespräch entlangaller Felder der SISMaßnahmenplan wird neuausgerichtetWelcher Kreis passt, entscheidet die Pflegefachperson im Einzelfall.
Abbildung: Kleiner und großer Evaluationskreis im Strukturmodell. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Vertiefung

Evaluation ist mehr als ein Häkchen

„Ziel erreicht – ja/nein“ greift zu kurz – zumal das Strukturmodell auf gesondert ausformulierte Pflegeziele verzichtet: Die übergeordneten Ziele ergeben sich aus den Wünschen der Person in Feld B und aus der gemeinsamen Verständigung, das Ziel einer einzelnen Maßnahme aus der Maßnahme selbst. Gute Evaluation fragt nach dem Warum: Warum wirkt die Maßnahme (dann beibehalten und begründen)? Warum nicht (dann verändern – andere Maßnahme, anderes Ziel, andere Ressourcen)? Und sie prüft, ob das Ziel selbst noch stimmt: Menschen und Situationen verändern sich, und ein einst richtiges Ziel kann überholt sein. Evaluation ist damit der Ort, an dem Fachlichkeit und Personenzentrierung zusammenkommen.

Besonders anspruchsvoll ist die Evaluation bei Erhaltungs- und Bewältigungszielen. Wenn das Ziel lautet, eine Fähigkeit möglichst lange zu erhalten, ist „keine Verschlechterung" bereits ein Erfolg – auch wenn sich augenscheinlich „nichts verbessert" hat. Wer das nicht bedenkt, bewertet gute Pflege fälschlich als wirkungslos. In der letzten Lebensphase wiederum verschiebt sich der Maßstab ganz: Dann zählt nicht Funktionsverbesserung, sondern Wohlbefinden, Schmerzfreiheit und Würde. Die Evaluation muss deshalb immer den richtigen Maßstab an das jeweilige Ziel anlegen.

Den richtigen Maßstab anlegenWas „Erfolg“ bedeutet, hängt vom Ziel abVerbesserungFähigkeit sollwiedergewonnen werdenErfolg: FortschrittErhaltFähigkeit möglichstlange erhaltenErfolg: stabil bleibenWohlbefindenvor allem in derletzten LebensphaseErfolg: Linderung, Würde„Keine Verschlechterung“ kann bereits ein Erfolg sein
Abbildung: Drei Maßstäbe für die Bewertung von Pflegemaßnahmen. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Fallstudie

Das Trinkprotokoll, das niemand mehr las

Für Frau W. wurde wegen Dehydratationsrisiko ein Trinkprotokoll angelegt. Nach acht Wochen zeigt die Evaluation: Die Trinkmenge ist stabil gut, das Protokoll bestätigt nur noch Erfolge. Statt es endlos weiterzuführen, wird die Maßnahme angepasst: kein tägliches Protokoll mehr, aber ein fester Trink-Anreiz zu den Mahlzeiten im Plan, mit erneuter Überprüfung in vier Wochen. Evaluation reduziert hier Aufwand und hält die Sicherheit. Das Gegenbeispiel wäre ein Protokoll, das aus Gewohnheit ein Jahr lang weiterläuft, längst niemand mehr auswertet – reiner Aufwand ohne Nutzen.

Fassung B

Dasselbe Protokoll – ohne Evaluation. Für Frau W. wird wegen Dehydratationsrisiko ein Trinkprotokoll angelegt. Nach acht Wochen sieht es sich niemand an; das Protokoll läuft weiter, wird oft erst am Schichtende aus der Erinnerung ergänzt, Tagessummen bildet niemand. Als Frau W. Monate später während eines Infekts an mehreren Tagen deutlich weniger trinkt, steht das zwar im Protokoll – gelesen wird es aber nicht. Aufmerksam wird das Team erst, als sie auffallend müde und verwirrt wirkt und die Hausärztin gerufen wird.

Zur Einordnung: Ein Protokoll ohne Auswertung schafft Scheinsicherheit: viel Aufwand, kaum Nutzen, und echte Warnzeichen gehen unter. Evaluation heißt, Daten zu lesen, zu bewerten und Konsequenzen zu ziehen – hier: das Protokoll zu beenden, solange es nur Erfolge zeigt, und es bei einer Veränderung befristet wieder aufzunehmen.

AspektFallstudie: evaluiertFassung B: ohne Evaluation
Nach acht WochenAuswertung: Trinkmenge stabil gutkeine Auswertung
Protokollbeendet, Trink-Anreiz zu den Mahlzeiten im Planläuft aus Gewohnheit weiter
Nächster SchrittÜberprüfung in vier Wochen vereinbartkein Termin, keine Zuständigkeit
Bei Veränderungfällt im Berichteblatt oder bei der Überprüfung aufsteht im Protokoll, wird aber nicht gelesen
Aufwand und Nutzenweniger Aufwand, Sicherheit bleibtviel Aufwand, Scheinsicherheit

Tabelle: Vergleich der beiden Fassungen des Fallbeispiels. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.

Praxistransfer

Übung: Wählen Sie eine laufende Maßnahme. Beantworten Sie schriftlich: Wirkt sie? Woran erkenne ich das? Passt das Ziel noch? Welche Anpassung schlage ich vor? Prüfen Sie außerdem, ob Sie den richtigen Erfolgsmaßstab (Verbesserung / Erhalt / Wohlbefinden) angelegt haben.

Lösungsweg anzeigen

Ein Beispiel: Herr T. wird dreimal täglich mit dem Rollator zum Speisesaal begleitet; er möchte „auf eigenen Beinen bleiben“ (Feld B). Wirkt die Maßnahme? Seit drei Monaten geht er die Strecke ohne Pause, Stürze sind nicht berichtet. Woran erkenne ich das? An den Einträgen im Berichteblatt, an eigener Beobachtung und an seinen Aussagen. Passt das Ziel noch? Sein Wunsch ist unverändert. Anpassung? Keine nötig – Maßnahme beibehalten und das kurz begründen.

Maßstab: Hier geht es um Erhalt. „Keine Verschlechterung“ ist bereits ein Erfolg, auch wenn er nicht schneller geht als vorher. Nach einer Hüftoperation mit dem Ziel, wieder sicher zu gehen, wäre dagegen Verbesserung der Maßstab, in der letzten Lebensphase Wohlbefinden.

Halten Sie das Ergebnis kurz im Berichteblatt fest. Ändert sich nur eine Maßnahme, passen Sie den Maßnahmenplan an (kleiner Evaluationskreis); eine neue SIS ist erst bei einer gravierenden Veränderung nötig.

Kernbotschaften
  • Die Evaluation schließt den Pflegeprozess und macht ihn zum Regelkreis: einschätzen, planen, durchführen und berichten, bewerten.
  • Evaluiert wird in der Regel anlassbezogen; wichtigster Auslöser ist eine Veränderung der Person, die sich oft zuerst im Berichteblatt zeigt.
  • Meist genügt der kleine Evaluationskreis (Maßnahmenplan anpassen); die SIS wird erst bei gravierenden Veränderungen neu erstellt.
  • Gute Evaluation fragt nach dem Warum und legt den passenden Maßstab an: Verbesserung, Erhalt oder Wohlbefinden.

Selbstreflexion (freiwillig)

Freiwillig · ohne Bewertung – Ihre Gedanken werden nicht gespeichert und von niemandem ausgewertet. Überlegen Sie zuerst selbst und klappen Sie dann den Denkanstoß auf.

1. Welche Maßnahme in Ihrem Bereich läuft schon lange, ohne dass jemand ihre Wirkung angesehen hat?

Denkanstoß anzeigen
Protokolle und Listen sind typische Kandidaten. Fragen Sie: Wer wertet das aus – und was würde sich ändern, wenn wir es beenden?

2. Woran erkennen Sie bei Ihnen eine Häufung von Abweichungen – und wer reagiert darauf?

Denkanstoß anzeigen
Wiederholen sich Einträge (z. B. „lehnt erneut ab“), ist das ein Anlass zur Evaluation. Klären Sie, wer im Dienst dafür zuständig ist.

3. Bei welcher Person wäre „keine Verschlechterung“ bereits ein Erfolg?

Denkanstoß anzeigen
Denken Sie an fortschreitende Erkrankungen. Wenn Sie den Maßstab bewusst wählen, wird gute Pflege sichtbar, auch wenn sich augenscheinlich nichts verbessert.

4. Wie beziehen Sie die Person selbst in die Evaluation ein?

Denkanstoß anzeigen
Ein kurzes Gespräch („Was hilft Ihnen, was stört Sie?“) ist oft die aussagekräftigste Quelle. Bei Menschen, die sich nicht äußern können, helfen Beobachtungen und Angehörige.

Quellen zu diesem Modul

GKV-Spitzenverband. (2020). Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes über die Durchführung der Prüfung der in Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und deren Qualität nach § 114 SGB XI für die vollstationäre Pflege (Qualitätsprüfungs-Richtlinien – QPR vollstationär) vom 17. Dezember 2018 in der Fassung vom 02. Juni 2020. https://www.md-wl.de/fileadmin/MD-Westfalen-Lippe/user_upload/2020-06-23_QPR_vollstationaer_ANLASS_CORONA.pdf

Projektbüro EinSTEP. (2024). Handreichung zum Maßnahmenplan in der Pflegedokumentation nach dem Konzept des Strukturmodells „EinSTEP“ (Stand: Dezember 2024). https://lfp.bayern.de/dokumente/IKP/EinSTEP-Handreichung%20zum%20Massnahmenplan.pdf

Projektbüro EinSTEP. (2026). Informations- und Schulungsunterlagen zur Pflegedokumentation mit dem Strukturmodell in der ambulanten, vollstationären und teilstationären Langzeitpflege sowie der Kurzzeitpflege (SGB XI) (Version EinSTEP 3.1, Februar 2026). https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/69c54737566a803fbeb73e0f_EinSTEP-Information-%20und%20Schulungsunterlagen%203.1%20(EinSTEP-Internetseite%2002.2026).pdf

Sozialgesetzbuch Elftes Buch – Soziale Pflegeversicherung (SGB XI), § 11 Rechte und Pflichten der Pflegeeinrichtungen, in der im Oktober 2026 geltenden Fassung. Abrufbar unter https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/__11.html

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