4. Modul 4 · Die SIS – Strukturierte Informationssammlung

SIS
ca. 45 Minutenim eigenen TempoRechtsstand: Oktober 2026Quellen nach APA 7

Der Einstieg beginnt bei der Person

Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) ist das Herzstück und der Einstieg des Strukturmodells. Ihr Besonderes: Sie beginnt nicht mit Diagnosen oder Defiziten, sondern mit der Eigensicht der pflegebedürftigen Person. Im Formular stehen dafür drei Leitfragen: „Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun?“ Diese narrative, personenzentrierte Öffnung verändert die Haltung: Die Person ist Subjekt ihrer Pflege, nicht Objekt einer Bedarfsliste. Hinzu kommen die fachliche Einschätzung in Themenfeldern und die Risikomatrix. Die Reihenfolge im Gespräch ist flexibel; die Leitfragen zur Eigensicht können das Gespräch eröffnen und auch abschließen.

Dieser Anfang ist mehr als eine Formalität – er ist ein Bekenntnis. Über Jahrzehnte war Pflegedokumentation defizitorientiert: Sie begann bei dem, was fehlte, was nicht mehr ging, was das Personal zu leisten hatte. Die SIS dreht die Perspektive um. Sie fragt zuerst den Menschen selbst, in seiner eigenen Sprache. Damit greift sie ein zentrales Prinzip moderner Pflege auf: Personenzentrierung. Nicht die Einrichtung definiert von außen, was „gut für" die Person ist, sondern die Person bringt ihre Sicht ein, und die Fachlichkeit ergänzt sie. Aus diesem Dialog entsteht eine Pflege, die getragen wird – weil sie den Willen und die Würde des Menschen ernst nimmt.

Lernziele dieses Moduls

  • Sie verstehen Aufbau und Logik der SIS.
  • Sie erfassen die Eigensicht der Person wertschätzend.
  • Sie unterscheiden Eigensicht, fachliche Einschätzung und Risiko.
  • Sie führen ein SIS-Gespräch strukturiert und offen.

Aufbau der SIS

Die SIS gliedert sich in mehrere Felder. Feld A enthält die Grunddaten: Name der Person, Zeitpunkt und Art des Gesprächs (Erst- oder Folgegespräch) und das Handzeichen der Pflegefachkraft. Feld B hält die Eigensicht fest – in der Sprache der Person, möglichst im Zitat. Feld C1 umfasst die Themenfelder (fachliche Einschätzung, sechs, das sechste je nach Setting, siehe Modul 5). Feld C2 ist die Risikomatrix – ein fachlicher Filter, der zeigt, wo eine vertiefte Einschätzung nötig ist. So verbindet die SIS Wunsch und Fachlichkeit: Was die Person will, und was pflegerisch notwendig ist, stehen nebeneinander und werden gemeinsam bearbeitet. Bei Menschen, die sich nicht mehr sprachlich äußern können, wird die Eigensicht stellvertretend erschlossen – aus Biografie, Beobachtung und dem Wissen von Angehörigen. Wird das Gespräch stellvertretend mit Angehörigen oder der rechtlichen Betreuung geführt, wird das in der SIS vermerkt. Auch dann bleibt die Haltung dieselbe: Wir suchen den mutmaßlichen Willen, statt ihn zu ersetzen.

Die Felder der SIS

FeldInhaltLeitfrage
B · EigensichtSicht, Anliegen, Wünsche der Person (Zitat)Was ist Ihnen wichtig?
C1 · ThemenfelderFachliche Einschätzung der BereicheWie ist die Situation fachlich?
C2 · RisikomatrixFilter für vertiefte EinschätzungWo droht eine Gefährdung?

Tabelle: Die Felder B, C1 und C2 der SIS. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.

Aufbau der Strukturierten InformationssammlungSchematisch nach dem SIS®-Formular (Version 2.0/2017)AGrunddatenName · Gesprächsdatum (Erst-/Folgegespräch) · HandzeichenBEigensicht der Personim Originalton, ungefiltert„Was bewegt Sie im Augenblick? Was brauchen Sie? Was können wir für Sie tun?“C1Themenfelderfachliche Einschätzung der Pflegefachkraft1kognitive und kommunikative Fähigkeiten2Mobilität und Beweglichkeit3krankheitsbezogene Anforderungenund Belastungen4Selbstversorgung5Leben in sozialen Beziehungen6Wohnen/Häuslichkeit (stationär)Haushaltsführung (ambulant)C2Risikomatrixerste fachliche Einschätzung von Risiken und PhänomenenDekubitusjaneinSturzjaneinInkontinenzjaneinSchmerzjaneinErnährungjaneinSonstigesjaneinBei „ja“ wird zusätzlich entschieden, ob eine weitere Einschätzung notwendig ist.
Abbildung: Aufbau der SIS mit den Feldern A, B, C1 und C2 (schematisch, nach dem SIS®-Formular). Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Vertiefung

Die Kunst des offenen Erstgesprächs

Das SIS-Gespräch ist keine Abfrage, sondern ein Zuhören mit Struktur. Offene Fragen („Erzählen Sie mir, wie ein guter Tag für Sie aussieht") öffnen mehr als geschlossene. Wichtig ist, die Eigensicht nicht zu übersetzen: Wenn Frau S. sagt „Ich will keine fremde Hilfe beim Waschen", gehört genau das in Feld B – nicht die pflegerische Bewertung „Ablehnung der Grundpflege". Die fachliche Einordnung folgt getrennt in Feld C1. Diese Trennung schützt die Würde und macht spätere Konflikte transparent bearbeitbar.

Ein gutes Erstgespräch braucht Zeit, Ruhe und eine Umgebung, in der sich der Mensch sicher fühlt. Es lebt von echtem Interesse – nicht vom Abarbeiten eines Formulars. Kleine Gesprächstechniken helfen: Paraphrasieren („Habe ich richtig verstanden, dass Ihnen der Mittagsschlaf heilig ist?"), Pausen aushalten (Schweigen lässt Raum), und an Biografie anknüpfen („Sie waren Gärtnerin – erzählen Sie."). Was hier an Vertrauen entsteht, trägt die gesamte Pflegebeziehung. Die SIS ist damit nicht nur ein Dokument, sondern der Beginn einer Beziehung.

Gesprächstechniken im SIS-GesprächZuhören mit Struktur – nicht Abfragen eines FormularsSIS-GesprächOffene FragenRaum für Erzählungen„Wie sieht ein guter Tag aus?“ParaphrasierenVerständnis sichern„Habe ich richtig verstanden?“Pausen aushaltenSchweigen lässt Raumnicht gleich weiterfragenBiografieErfahrungen nutzenz. B. an den früheren Beruf
Abbildung: Vier Gesprächstechniken für das offene Erstgespräch. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Fallstudie

„Hauptsache, ich komme noch in den Garten"

Beim SIS-Gespräch sagt Herr T.: „Mir ist egal, wie ich aussehe – Hauptsache, ich komme noch in den Garten." In Feld B wird dieses Zitat festgehalten. In Feld C1 beschreibt die Pflegefachkraft die Mobilitätseinschränkung und spricht die Sturzgefahr an; in der Risikomatrix (C2) wird „Sturz“ entsprechend mit „ja“ markiert. Der spätere Maßnahmenplan verbindet beides: sichere Gehhilfe, begleiteter Gartengang zweimal täglich, angepasste Kleidung. So wird aus dem Wunsch der Person ein pflegerisches Ziel – das ist gelebte Personenzentrierung. Hätte man nur die Fachsicht dokumentiert („Sturzrisiko, Mobilisation nach Plan"), wäre der Garten – das, was Herrn T. das Leben lebenswert macht – aus dem Blick geraten.

Fassung B

Dasselbe Gespräch – fachlich „übersetzt“. Herr T. sagt auch hier: „Mir ist egal, wie ich aussehe – Hauptsache, ich komme noch in den Garten.“ In Feld B steht jedoch: „Bewohner wünscht Unterstützung bei der Mobilität.“ Der Maßnahmenplan sieht Gehübungen mit Rollator im Flur und Maßnahmen zur Sturzprophylaxe vor; vom Garten ist nirgends die Rede. Herr T. macht anfangs mit, lehnt die Übungen dann zunehmend ab („Wozu denn?“) und zieht sich in sein Zimmer zurück. Erst in einem Folgegespräch bei der Evaluation kommt der Garten wieder zur Sprache.

Zur Einordnung: Fachlich war nichts falsch – Mobilität und Sturzgefahr wurden gesehen. Verloren ging der Sinn der Maßnahme aus der Sicht von Herrn T. Weil seine Worte nicht wörtlich festgehalten wurden, fehlte dem Team die Verbindung zwischen Wunsch und Pflegeziel. Die Ablehnung der Übungen war deshalb keine „fehlende Mitwirkung“, sondern eine verständliche Reaktion.

AspektFallstudie: Eigensicht im ZitatFassung B: fachlich übersetzt
Feld B„Hauptsache, ich komme noch in den Garten.“„wünscht Unterstützung bei der Mobilität“
Feld C1 und C2Mobilität eingeschränkt, Sturz: jagleich
Maßnahmenplansichere Gehhilfe, begleiteter Gartengang zweimal täglich, angepasste KleidungGehübungen im Flur, Sturzprophylaxe
Reaktion von Herrn T.Die Maßnahme hat für ihn einen Sinn.lehnt Übungen zunehmend ab, zieht sich zurück
Pflegezielverbindet Wunsch und Fachlichkeitnur fachlich begründet

Tabelle: Vergleich der beiden Fassungen des Fallbeispiels. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.

Was die SIS von Herrn T. festhältGleiche Person, gleiche Einschätzung – anders festgehaltene EigensichtFallstudieFassung BFeld B„Hauptsache, in den Garten“„wünscht Mobilisation“Feld C1/C2Mobilität, Sturz: jaMobilität, Sturz: jaMaßnahmenplanbegleiteter GartengangGehübungen im FlurVerlaufgeht gern mitlehnt ab, zieht sich zurückPflegezielWunsch + Fachlichkeitnur fachlich begründet
Abbildung: Die beiden Fassungen des Fallbeispiels im Vergleich. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Praxistransfer

Übung: Formulieren Sie drei offene Einstiegsfragen für ein SIS-Gespräch, die die Eigensicht öffnen. Üben Sie im Rollenspiel, ein Zitat der Person wörtlich zu erfassen, statt es fachlich zu „übersetzen". Reflektieren Sie: Wie erschließen Sie die Eigensicht bei einem Menschen mit fortgeschrittener Demenz?

Lösungsweg anzeigen

Offene Einstiegsfragen beginnen mit „Wie“, „Was“ oder „Erzählen Sie …“ und lassen sich nicht mit Ja oder Nein beantworten, zum Beispiel: „Erzählen Sie mir, wie ein guter Tag für Sie aussieht.“ – „Was ist Ihnen hier bei uns besonders wichtig?“ – „Wobei möchten Sie Unterstützung, und wobei lieber nicht?“

Im Rollenspiel notiert die beobachtende Person nur, was tatsächlich gesagt wurde, in Anführungszeichen. Prüfen Sie danach: Steht im Eintrag ein Fachbegriff, den die Person selbst nicht benutzt hat? Dann wurde übersetzt.

Bei fortgeschrittener Demenz stützen Sie sich auf Biografie und Gewohnheiten, auf beobachtete Reaktionen (Entspannung, Unruhe, Mimik) und auf das Wissen von Angehörigen oder der rechtlichen Betreuung. Kurze Äußerungen der Person selbst halten Sie trotzdem wörtlich fest, und Sie vermerken, mit wem das Gespräch geführt wurde.

Kernbotschaften
  • Die SIS beginnt mit der Eigensicht der Person – festgehalten im Originalton, ohne fachliche Übersetzung.
  • Sie gliedert sich in Feld A (Grunddaten), Feld B (Eigensicht), Feld C1 (sechs Themenfelder) und Feld C2 (Risikomatrix).
  • Eigensicht und Fachlichkeit stehen nebeneinander; im Maßnahmenplan werden sie zu gemeinsamen Zielen verbunden.
  • Kann sich eine Person nicht mehr äußern, wird ihre Sicht stellvertretend erschlossen – und vermerkt, auf welchem Weg.

Selbstreflexion (freiwillig)

Freiwillig · ohne Bewertung – Ihre Gedanken werden nicht gespeichert und von niemandem ausgewertet. Überlegen Sie zuerst selbst und klappen Sie dann den Denkanstoß auf.

1. Wann haben Sie zuletzt eine Aussage einer pflegebedürftigen Person wörtlich aufgeschrieben?

Denkanstoß anzeigen
Achten Sie beim nächsten Gespräch darauf, ob Sie unwillkürlich in Fachsprache übersetzen. Ein kurzes Zitat sagt oft mehr darüber, was der Person wichtig ist, als eine fachliche Zusammenfassung.

2. Was hindert Sie im Alltag daran, sich für ein SIS-Gespräch Zeit und Ruhe zu nehmen?

Denkanstoß anzeigen
Manchmal lässt sich das Gespräch auf mehrere kurze Begegnungen verteilen. Wichtig ist, dass die Person erlebt: Hier hört jemand wirklich zu.

3. Wie gehen Sie damit um, wenn der Wunsch einer Person und Ihre fachliche Einschätzung auseinanderliegen?

Denkanstoß anzeigen
Die SIS macht solche Spannungen sichtbar, statt sie zu verdecken. Ein Weg kann sein, Wunsch und Risiko gemeinsam zu besprechen und festzuhalten, wie die Person die Situation selbst einschätzt.

4. Wie würden Sie die Eigensicht eines Menschen erschließen, der nicht mehr spricht?

Denkanstoß anzeigen
Denken Sie an Biografie, Gewohnheiten, Reaktionen im Alltag und das Wissen von Angehörigen. Halten Sie fest, auf welchem Weg Sie zu Ihrer Einschätzung gekommen sind.

Quellen zu diesem Modul

Beikirch, E., & Roes, M. (2017). SIS® – stationär: Strukturierte Informationssammlung (Version 2.0) [Formular]. Projektbüro EinSTEP. https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/669579c2288d96188e1eb1f8_SIS-stationaer_ausfuellbar_A4_V2.0_2017.pdf

Projektbüro EinSTEP. (o. J.). Funktion der SIS® und Matrix – stationäre Pflege [Anlage 1b der Informations- und Schulungsunterlagen, Version EinSTEP 3.0]. https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/683edad59a33711233b5e512_Anlage%201b_SIS_Erla%CC%88uterungen_stationa%CC%88r_V3.0_.pdf

Projektbüro EinSTEP. (2026). Informations- und Schulungsunterlagen zur Pflegedokumentation mit dem Strukturmodell in der ambulanten, vollstationären und teilstationären Langzeitpflege sowie der Kurzzeitpflege (SGB XI) (Version EinSTEP 3.1). https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/69c54737566a803fbeb73e0f_EinSTEP-Information-%20und%20Schulungsunterlagen%203.1%20%28EinSTEP-Internetseite%2002.2026%29.pdf

Freiwillige Selbstauskunft – wird in Ihrem Kurskonto gespeichert. Sobald alle Module als erledigt markiert sind, steht Ihre Teilnahmebescheinigung bereit.