Konflikteskalation nach Glasl: die 9 Stufen einfach erklärt
Konflikteskalation nach Glasl: die 9 Stufen einfach erklärt
Die Konflikteskalation nach Glasl beschreibt, wie sich ein Konflikt in neun Stufen verschärft – von den ersten verhärteten Standpunkten bis zur gegenseitigen Zerstörung. Die 9 Stufen sind in drei Ebenen gegliedert („win-win", „win-lose" und „lose-lose") und machen sichtbar, ab wann die Beteiligten einen Konflikt kaum noch allein lösen können.
Entwickelt hat das Modell der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl. In Beratung, Supervision und Mediation ist es heute ein verbreitetes Orientierungsraster. Auch für Fachkräfte in Sozialer Arbeit, Pflege und Pädagogik ist es hilfreich: Wer die Eskalationsstufen nach Glasl kennt, bemerkt früher, in welche Richtung sich ein Streit im Team oder mit Klient:innen und Angehörigen entwickelt, und kann rechtzeitig reagieren.
- Das Modell umfasst neun Konfliktstufen, verteilt auf drei Ebenen: win-win, win-lose und lose-lose.
- Häufig wird es als Treppe nach unten dargestellt – Eskalation bedeutet Abstieg.
- Je tiefer ein Konflikt eskaliert ist, desto weniger können die Beteiligten ihn selbst lösen.
- Ab den mittleren Stufen ist Unterstützung durch Dritte meist sinnvoll, ganz unten unter Umständen ein Machteingriff.
- Deeskalation gelingt am ehesten, wenn sie früh ansetzt.
Was bedeutet Konflikteskalation nach Glasl?
Glasl betrachtet Eskalation nicht als plötzlichen Ausbruch, sondern als Prozess. Konflikte entwickeln eine eigene Dynamik: Aus einer sachlichen Meinungsverschiedenheit wird nach und nach eine Auseinandersetzung, in der es immer weniger um das eigentliche Thema und immer mehr um die Gegenseite geht.
Deshalb wird das Modell oft als Treppe nach unten gezeichnet. Das Bild ist bewusst gewählt: Eskalation ist ein Abstieg. Jede Stufe führt tiefer in den Konflikt hinein, und mit jedem Schritt wird der Weg zurück zu einem konstruktiven Miteinander beschwerlicher.
Die 9 Stufen nach Glasl im Überblick
Die folgende Tabelle ordnet die neun Eskalationsstufen den drei Ebenen zu. Die Kennzeichen sind bewusst vereinfacht.
| Ebene | Stufe | Typische Kennzeichen |
|---|---|---|
| 1 · win-win | 1 Verhärtung | Positionen werden fester, Spannung ist spürbar, man spricht aber noch miteinander. |
| 2 Debatte/Polemik | Diskussionen werden schärfer, es geht zunehmend ums Rechthaben, Schwarz-Weiß-Denken nimmt zu. | |
| 3 Taten statt Worte | Reden erscheint sinnlos, man schafft vollendete Tatsachen, das Einfühlungsvermögen sinkt. | |
| 2 · win-lose | 4 Images und Koalitionen | Feste Bilder vom „Gegner" entstehen, beide Seiten werben um Verbündete. |
| 5 Gesichtsverlust | Die Gegenseite wird bloßgestellt oder moralisch abgewertet, das Vertrauen bricht ein. | |
| 6 Drohstrategien | Drohungen und Ultimaten bestimmen das Geschehen, der Druck wächst auf allen Seiten. | |
| 3 · lose-lose | 7 Begrenzte Vernichtungsschläge | Die Gegenseite soll gezielt geschädigt werden, eigene Nachteile werden hingenommen. |
| 8 Zersplitterung | Ziel ist es, die Gegenseite in ihrem Kern zu treffen und handlungsunfähig zu machen. | |
| 9 Gemeinsam in den Abgrund | Der Schaden der anderen Seite zählt mehr als das eigene Wohl – auch um den Preis des eigenen Untergangs. |
Was die drei Ebenen unterscheidet
Auf der win-win-Ebene halten die Beteiligten eine Lösung, von der alle profitieren, noch für möglich. Auf der win-lose-Ebene will jede Seite selbst gewinnen, notfalls auf Kosten der anderen. Auf der lose-lose-Ebene steht nicht mehr der eigene Vorteil im Vordergrund, sondern der Schaden der Gegenseite – eigene Verluste werden in Kauf genommen.
Eskalationsstufen nach Glasl erkennen: Wann braucht es Hilfe von außen?
Eine zentrale Aussage des Modells lautet: Je höher die Eskalationsstufe, desto weniger können die Beteiligten den Konflikt aus eigener Kraft lösen. Solange sich ein Streit auf den ersten Stufen bewegt, gelingt eine Klärung oft noch im direkten Gespräch – etwa durch Nachfragen, Zuhören und klare Absprachen.
Ab den mittleren Stufen ist Unterstützung durch Dritte in der Regel sinnvoll, zum Beispiel durch eine Moderation, eine Mediation, die Leitung oder eine Supervision. Auf den obersten Stufen kann unter Umständen ein Machteingriff nötig werden, also eine verbindliche Entscheidung durch eine Instanz mit entsprechender Befugnis. Wichtig: Das sind Orientierungen, keine festen Regeln. Welche Form der Unterstützung passt, hängt immer vom einzelnen Konflikt, den Beteiligten und dem Arbeitskontext ab.
Konflikteskalation nach Glasl in der Praxis: früh deeskalieren
In sozialen, pädagogischen und pflegerischen Arbeitsfeldern treffen unterschiedliche Erwartungen, Belastungen und Rollen aufeinander. Konflikte entstehen im Team, aber auch mit Klient:innen, Bewohner:innen oder Angehörigen. Das Stufenmodell hilft, solche Situationen nüchtern einzuordnen. Der wichtigste Praxisgedanke: Deeskalation sollte früh ansetzen, solange Gespräche noch möglich sind.
Achten Sie auf Warnzeichen wie Rückzug, Gereiztheit, Lagerbildung oder Gespräche „hinter dem Rücken".
Überlegen Sie, auf welcher Ebene sich der Konflikt ungefähr bewegt – ohne Schuld zuzuweisen.
Sprechen Sie Spannungen zeitnah, sachlich und in Ich-Botschaften an.
Beziehen Sie Leitung, Moderation oder Supervision ein, wenn die Klärung allein nicht mehr gelingt.
Häufige Fragen
Wer hat das Stufenmodell der Konflikteskalation entwickelt?
Das Modell stammt von Friedrich Glasl, einem österreichischen Konfliktforscher. Ausführlich beschrieben hat er es in seinem Handbuch „Konfliktmanagement", das in verschiedenen Auflagen erschienen ist.
Warum wird das Modell als Treppe nach unten dargestellt?
Die Treppe nach unten verdeutlicht, dass Eskalation ein Abstieg ist. Mit jeder Stufe gerät der Konflikt tiefer, und die Beteiligten verlieren zunehmend die Möglichkeit, ihn selbst zu steuern.
Ab welcher Stufe sollte ich mir Unterstützung holen?
Eine feste Grenze gibt es nicht. Nach Glasl sinkt mit jeder Stufe die Fähigkeit der Beteiligten, den Konflikt selbst zu lösen; ab den mittleren Stufen ist Hilfe durch Dritte meist sinnvoll. Holen Sie sich lieber früh Unterstützung, etwa bei Ihrer Leitung oder in der Supervision, als zu lange abzuwarten.
Eignet sich das Modell auch für Konflikte mit Klient:innen?
Ja, das Modell lässt sich auf Teamkonflikte ebenso anwenden wie auf Konflikte mit Klient:innen oder Angehörigen. Es hilft, die eigene Rolle in der Dynamik zu reflektieren und rechtzeitig deeskalierend zu handeln. Bei akuter Gefahr haben jedoch Sicherheit und die Vorgaben Ihrer Einrichtung Vorrang.
Im Kurs „Aggression & Deeskalation – Grundlagen" vertiefen Sie in 8 Modulen mit Fallbeispielen und Wissenscheck, wie Sie Spannungen früh erkennen und angemessen reagieren – im eigenen Tempo. Nach Bearbeitung aller Module erhalten Sie eine Teilnahmebescheinigung.
Zum Selbstlernkurs: Aggression & Deeskalation – Grundlagen →Glasl, F. (verschiedene Auflagen). Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führung, Beratung und Mediation. Haupt; Verlag Freies Geistesleben.
Stand: September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung oder Supervision im Einzelfall.