Fachwissen · Flucht, Migration & Interkulturalität

Fortbildung Sprachmittlung Beratung: Gespräche mit Dolmetschenden sicher führen

Wie Beratung zu dritt funktioniert, wer welche Rolle hat und was zu Schweigepflicht und Kosten gilt.

Sprachmittlung in der Beratung bedeutet, dass eine dritte Person das Gespräch zwischen Fachkraft und Klient:in in beide Sprachen überträgt – die Verantwortung für die Beratung bleibt dabei stets bei der Fachkraft. Wer nach einer „Fortbildung Sprachmittlung Beratung“ sucht, will meist wissen, wie diese Beratung zu dritt praktisch gelingt, welche Regeln gelten und wer die Kosten trägt.

Ob Migrationsberatung, Jugendhilfe, Klinik oder Frauenberatung: Gespräche mit Dolmetschenden gehören in vielen Arbeitsfeldern zum Alltag. Trotzdem richten sich Arbeitshilfen häufig an die Sprachmittelnden selbst und seltener an die Beratenden. Dieser Beitrag zeigt aus Sicht der Fachkräfte, worauf es ankommt.

Auf einen Blick
  • Die Fachkraft führt das Gespräch und trägt die fachliche Verantwortung; Sprachmittelnde übertragen.
  • Fachliche Standards empfehlen Vor- und Nachgespräch, Ich-Form und direkten Blickkontakt zur Klientin bzw. zum Klienten.
  • Angehörige und insbesondere Kinder sollten möglichst nicht dolmetschen.
  • Einen allgemeinen gesetzlichen Anspruch auf kostenlose Fremdsprachen-Dolmetschung gibt es nicht.
  • Bei der Schweigepflicht nach § 203 StGB müssen Sprachmittelnde ausdrücklich eingebunden werden.

Sprachmittlung in der Beratung: die triadische Gesprächssituation

Sobald eine dritte Person spricht, verändert sich das Gespräch grundlegend. Aus Sicht der Dolmetschforschung ist ein gedolmetschtes Gespräch eine Interaktion zu dritt: Die sprachmittelnde Person überträgt nicht bloß Worte, sie koordiniert den Austausch aktiv mit (Wadensjö, 2014). Für Beratende heißt das: Pausen, Rückfragen und Sprecherwechsel brauchen bewusste Planung, sonst entstehen Nebengespräche, die niemand mehr überblickt.

Übersichtsarbeiten aus dem Gesundheitswesen zeigen zudem, dass professionelle Dolmetschende mit besserer Versorgungsqualität verbunden sind als spontan hinzugezogene Laien (Karliner et al., 2007). Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren warnt beim Einsatz von Familienangehörigen vor Loyalitätskonflikten, Überforderung; mangelnde Verständigung kann bis zu Fehldiagnosen führen (Wygand, 2021).

Rollen und Regeln der Zusammenarbeit mit Sprachmittlern

Fachliche Leitlinien sind sich in den Grundzügen einig: Sprachmittelnde sind keine Assistenz der Beratenden, sondern übertragen vollständig – ohne wegzulassen oder hinzuzufügen – und in direkter Rede, also in der Ich-Form (Dhawan, 2019). Die Fachkraft spricht die Klientin oder den Klienten direkt an und hält Blickkontakt zu ihr bzw. ihm, nicht zur sprachmittelnden Person. Private Kontakte zwischen Sprachmittelnden und Klient:innen sollen vermieden werden. Die BAfF-Leitlinien empfehlen außerdem Supervision für alle Beteiligten und eine angemessene Vergütung (BAfF, 2022).

Ablauf eines Gesprächs zu dritt

1. Vorgespräch
Thema, Ziel, Fachbegriffe und Rollen kurz klären; Schweigepflicht ansprechen.
2. Einstieg
Alle Beteiligten vorstellen, Ablauf und Vertraulichkeit für die Klientin bzw. den Klienten erklären.
3. Gespräch
In kurzen Abschnitten sprechen, direkt ansprechen, bei Unklarheiten nachfragen.
4. Nachgespräch
Verlauf reflektieren, offene Fragen und Belastungen besprechen.
Praxisbeispiel: Eine Beraterin einer fiktiven Migrationsberatungsstelle bereitet ein Gespräch über einen Behördenbescheid vor. Im Vorgespräch erklärt sie der Sprachmittlerin die wichtigsten Begriffe und bittet darum, alles in der Ich-Form zu übertragen. Als der Klient mitten im Gespräch die Sprachmittlerin direkt um ihre persönliche Einschätzung bittet, überträgt diese die Frage offen an die Beraterin. Im Nachgespräch sprechen beide darüber, wie belastend die Situation für die Sprachmittlerin war.

Schweigepflicht bei Dolmetschenden in der Beratung

Viele Beratende sind nach § 203 Abs. 1 StGB Berufsgeheimnisträger:innen. § 203 Abs. 3 StGB erlaubt ihnen, Personen einzuweihen, die bei ihrer Berufsausübung mitwirken – allerdings nur, soweit das für diese Mitwirkung nötig ist. Wer jedoch nicht dafür sorgt, dass eine solche mitwirkende Person zur Geheimhaltung verpflichtet wurde, kann sich nach Abs. 4 selbst strafbar machen, wenn diese das Geheimnis unbefugt weitergibt. Ob Sprachmittelnde im Einzelfall als mitwirkende Personen gelten, hängt von der konkreten Gestaltung ab. Eine schriftliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit ist deshalb fachlich dringend zu empfehlen; Details klären Sie mit Ihrem Träger.

Wer trägt die Dolmetscherkosten in der Beratung?

Ein allgemeiner gesetzlicher Anspruch auf kostenlose Dolmetschung in eine Fremdsprache besteht nicht. Die Kostenregeln in § 17 Abs. 2 SGB I und § 19 Abs. 1 SGB X gelten nur für Kommunikationshilfen bei Hör- und Sprachbehinderungen, zum Beispiel Gebärdensprache; hier zahlen die Leistungsträger. Für fremdsprachige Anträge sieht § 19 SGB X vor, dass die Behörde eine Übersetzung verlangen kann. Im Asylverfahren darf die schutzsuchende Person nach § 17 AsylG auf eigene Kosten einen geeigneten Sprachmittler ihrer Wahl hinzuziehen.

Nach Darstellung der BAfF gehören Sprachmittlungskosten nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen (BAfF, 2021). Für Leistungsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz kann ein Antrag auf sonstige Leistungen nach § 6 AsylbLG in Betracht kommen – dabei handelt es sich um eine Ermessensentscheidung im Einzelfall. Bei konkreten Fragen helfen Fachberatungsstellen, Anwält:innen und die zuständigen Behörden weiter.

Häufige Fragen

Dürfen Kinder für ihre Eltern dolmetschen?

Ein gesetzliches Verbot gibt es nicht, fachliche Standards raten aber deutlich davon ab. Kinder geraten dabei leicht in Rollen- und Loyalitätskonflikte und werden mit Inhalten belastet, die nicht für sie bestimmt sind.

Muss ich Sprachmittelnde zur Verschwiegenheit verpflichten?

Wenn Sie Berufsgeheimnisträger:in sind und Sprachmittelnde an Ihrer Tätigkeit mitwirken, sollten Sie für deren Verpflichtung zur Geheimhaltung sorgen: Unterbleibt sie und wird ein Geheimnis unbefugt offenbart, droht nach § 203 Abs. 4 StGB auch Ihnen eine Strafbarkeit. In der Praxis hat sich eine schriftliche Erklärung vor dem ersten Einsatz bewährt.

Warum sollen Dolmetschende in der Ich-Form sprechen?

Die direkte Rede hält die Beziehung zwischen Fachkraft und Klient:in im Zentrum. Berichtende Formulierungen wie „Er sagt, dass …“ schaffen Distanz und erleichtern ungewollte Zusammenfassungen.

Kann ich einfach eine Übersetzungs-App nutzen?

Maschinelle Übersetzung ist für vertrauliche Beratungsgespräche weder verlässlich noch ohne Weiteres datenschutzkonform. Sie ersetzt keine qualifizierte Sprachmittlung.

Vertiefen im Selbstlernkurs

Der Kurs vertieft Gesprächsführung zu dritt, Rollenklärung, Schweigepflicht und Kostenfragen in 8 Modulen mit Fallbeispielen und einem Wissenscheck je Modul. Sie lernen im eigenen Tempo und erhalten nach Bearbeitung aller Module eine Teilnahmebescheinigung.

Zum Selbstlernkurs: Sprachmittlung in der Beratung – Gespräche mit Dolmetschenden →
Quellen

Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. (2021). Arbeitshilfe: Finanzierung von Sprachmittlungskosten für Geflüchtete. https://psychosoziale-zentren.org/wp-content/uploads/2021/12/BAfF_Arbeitshilfe_Sprachmittlungskosten_November-2021.pdf

Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. (2022). Leitlinien für Beratung und Therapie mit qualifizierter Sprachmittlung. https://psychosoziale-zentren.org/wp-content/uploads/2022/11/BAfF-Leitlinien-fuer-SpM-in-den-PSZ_Beschlussversion_abgestimmt_MV2022.pdf

Dhawan, S. (2019). Zusammenarbeit mit Sprachmittler*innen in der psychosozialen Beratung: Handlungsempfehlungen und Standards. pro familia Bundesverband. https://www.profamilia.de/fileadmin/profamilia/suv/Zusammenarbeit_mit_Sprachmittlern.pdf

Karliner, L. S., Jacobs, E. A., Chen, A. H. & Mutha, S. (2007). Do professional interpreters improve clinical care for patients with limited English proficiency? A systematic review of the literature. Health Services Research, 42(2), 727–754. https://doi.org/10.1111/j.1475-6773.2006.00629.x

Wadensjö, C. (2014). Interpreting as interaction. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315842318

Wygand, M.-C. (2021, 3. Mai). Sprachmittlung in Therapie und Beratung. BAfF e. V. https://psychosoziale-zentren.org/sprachmittlung/

Stand: September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Zuletzt geändert: Freitag, 25. September 2026, 10:34