Modul 1 · ca. 55 Min.

Was ist Antigewalt-Training? – Einordnung & Abgrenzung

Antigewalt-Training ist mehr als „hart durchgreifen“. Es ist ein fachlich fundierter Ansatz der Arbeit mit gewaltbereiten jungen Menschen. Dieser kostenlose Grundlagenkurs führt ein — wissenschaftlich gestützt und ehrlich in seinen Grenzen. Dieses Modul klärt Begriff, Ursprung und Abgrenzung.

Lernziele – nach diesem Modul kannst du …
  • die gesellschaftliche Relevanz des Themas mit offiziellen Daten einordnen
  • Antigewalt-Training und Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) begrifflich fassen
  • Ursprung und Zielgruppe benennen (Weidner, JVA Hameln)
  • AGT von Deeskalation klar abgrenzen
In diesem Modul
  • 1. Warum Antigewalt-Arbeit? – ein Blick auf die Zahlen
  • 2. Was ist Antigewalt-Training?
  • 3. Ursprung und Zielgruppe
  • 4. Abgrenzung: AGT ist nicht Deeskalation
  • 5. Ehrliche Einordnung dieses Kurses
  • 6. Ein häufiger Irrtum
  • 7. Näher betrachtet: ein Fall
  • 8. Was das für die Praxis heißt
  • 9. Übungen

1. Warum Antigewalt-Arbeit? – ein Blick auf die Zahlen

Gewalt durch junge Menschen ist ein Thema, das Fachkräfte, Schulen und die Öffentlichkeit beschäftigt — und die offiziellen Zahlen geben Anlass, genau hinzusehen. Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2024 des Bundeskriminalamts registrierte die Polizei im Jahr 2024 rund 217.000 Fälle von Gewaltkriminalität — ein Anstieg von etwa 1,5 % gegenüber dem Vorjahr und laut BKA ein neuer Höchststand. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den jungen Tatverdächtigen: Bei den Jugendlichen stieg die Zahl der Tatverdächtigen im Bereich Gewaltkriminalität um rund 3,8 %, bei den Kindern sogar um etwa 11,3 % (BKA, PKS 2024).

Zahlen richtig einordnen
Statistiken sind mit Vorsicht zu lesen: Sie bilden das Hellfeld (die polizeilich bekannten Fälle) ab und werden von Anzeigeverhalten und Kontrolldichte beeinflusst. Sie zeigen keine einfachen Ursachen. Dennoch machen sie deutlich: Der professionelle Umgang mit jugendlicher Gewalt bleibt eine wichtige Aufgabe.

Genau hier setzt das Antigewalt-Training an: Es ist ein Versuch, jungen Menschen, die wiederholt gewalttätig geworden sind, einen Ausweg aus der Gewalt zu eröffnen — dort, wo klassische pädagogische Angebote oft nicht mehr greifen.

2. Was ist Antigewalt-Training?

„Antigewalt-Training“ ist ein Oberbegriff für pädagogisch-therapeutische Trainingsprogramme, die das Ziel verfolgen, gewalttätiges Verhalten abzubauen und gewaltfreie Handlungsalternativen aufzubauen. Der bekannteste und namengebende Ansatz im deutschsprachigen Raum ist das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT®), entwickelt von dem Sozialpädagogen und Kriminologen Jens Weidner.

Merke
Antigewalt-Training arbeitet mit den Verursachern von Gewalt: Es will gewalttätige junge Menschen dazu befähigen, ihr Verhalten zu ändern — durch Konfrontation, Selbstreflexion und den Aufbau neuer Kompetenzen.

Das AAT versteht sich als deliktspezifisches Angebot: Es setzt gezielt an der Gewalttat und ihrer Rechtfertigung an. Ziel ist nicht nur, Gewalt zu unterlassen, sondern eine innere Veränderung anzustoßen — weg von der Selbstrechtfertigung, hin zu Verantwortungsübernahme und Mitgefühl für die Opfer (Weidner, 1990).

3. Ursprung und Zielgruppe

Das Anti-Aggressivitäts-Training wurde erstmals 1987 in der Jugendvollzugsanstalt Hameln durchgeführt (socialnet Lexikon; Weidner, 1990). Es entstand aus einer klaren Beobachtung: Bei einer kleinen Gruppe mehrfach und schwer gewalttätiger junger Menschen zeigten die üblichen, eher zurückhaltenden sozialpädagogischen Methoden wenig Wirkung. Weidner suchte einen Ansatz, der diese Gruppe wirklich erreicht.

Die Zielgruppe ist entsprechend eng umrissen: mehrfach gewalttätig auffällig gewordene junge Menschen, überwiegend männlich, typischerweise im Alter von etwa 16 bis 21 Jahren (socialnet Lexikon). Es geht also nicht um jeden Konflikt oder jede Rangelei, sondern um verfestigtes, wiederholtes Gewaltverhalten.

🔎 Exkurs — Ein Angebot für eine kleine, aber schwierige Gruppe
AAT wurde bewusst für jene entwickelt, die als „pädagogisch schwer erreichbar“ gelten. Das erklärt auch die konfrontative Methodik: Wo Zurückhaltung und rein verstehende Ansätze an Grenzen stießen, setzt AAT bewusst auf direkte Auseinandersetzung — allerdings, wie Modul 2 zeigt, eingebettet in Wertschätzung und Beziehung.

4. Abgrenzung: AGT ist nicht Deeskalation

Ein häufiges Missverständnis ist die Gleichsetzung von Antigewalt-Training und Deeskalation. Beide beschäftigen sich mit Gewalt und Aggression — aber sie tun völlig Unterschiedliches. Die folgende Übersicht stellt die beiden Ansätze gegenüber.

KriteriumDeeskalationAntigewalt-Training (AGT)
Zieleine akute Situation beruhigengewalttätiges Verhalten dauerhaft verändern
Wer wird adressiert?die Fachkraft selbst (ihr Verhalten)der/die gewalttätige junge Mensch
Zeithorizontder akute Moment (Minuten)ein längeres Programm (Monate)
Grundhaltungberuhigen, Spannung senkenkonfrontieren und verändern
Settingüberall im Alltagstrukturiertes Training (Gruppe)
Tabelle: eigene Darstellung (mit KI erstellt), inhaltlich nach Weidner (1990) und socialnet Lexikon.

Kurz gesagt: Deeskalation fragt „Wie beruhige ich diese Situation jetzt?“, Antigewalt-Training fragt „Wie helfe ich diesem Menschen, künftig nicht mehr gewalttätig zu werden?“. Beide sind wichtig — aber sie gehören in unterschiedliche Werkzeugkästen.

5. Ehrliche Einordnung dieses Kurses

Zur wissenschaftlichen und rechtlichen Redlichkeit gehört eine klare Ansage: Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT®) und das Coolness-Training® sind geschützte, methodisch festgelegte Verfahren. Wer sie eigenverantwortlich durchführen möchte, benötigt eine anerkannte Trainerausbildung (u. a. am Deutschen Institut für Konfrontative Pädagogik).

Wichtige Klarstellung
Dieser kostenlose Kurs vermittelt Grundlagen und Orientierung — er ist ausdrücklich keine Trainerausbildung und verleiht keine Berechtigung, AAT® oder Coolness-Training® durchzuführen. Ziel ist, den Ansatz fundiert zu verstehen und einordnen zu können.

6. Ein häufiger Irrtum

✗ Häufiger Irrtum
„Antigewalt-Training bedeutet, gewalttätige Jugendliche mit Härte und Strafe einzuschüchtern.“
Tatsächlich: Das ist ein verbreitetes, aber falsches Bild. AGT ist kein „Bootcamp“ und keine Bestrafung. Die Konfrontation dient nicht der Demütigung, sondern der Selbstreflexion — und sie ist, wie Modul 2 zeigt, untrennbar mit Beziehung und Wertschätzung verbunden („Konfrontation mit Herz“). Härte ohne Beziehung wäre fachlich falsch und wirkungslos.

7. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Warum Deeskalation allein nicht reicht
Der 17-jährige Marvin ist in einer Jugendwohngruppe wiederholt gewalttätig geworden — gegenüber Mitbewohnern und einmal auch gegenüber einem Betreuer. Das Team kann einzelne Situationen gut deeskalieren: ruhig bleiben, Abstand schaffen, beruhigen. Doch das Grundmuster bleibt: Marvin greift immer wieder zu Gewalt, um sich durchzusetzen oder Respekt zu erzwingen. Hier zeigt sich die Grenze der Deeskalation — sie löst den akuten Moment, verändert aber nicht das Verhalten. Genau für Konstellationen wie diese wurde das Antigewalt-Training entwickelt: Es setzt nicht am einzelnen Vorfall an, sondern an Marvins Umgang mit Aggression insgesamt.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

8. Was das für die Praxis heißt

Für Ihre Arbeit legt dieses Modul den Rahmen: Verstehen Sie Antigewalt-Training als Ansatz der Arbeit mit den Verursachern von Gewalt — nicht als Deeskalationstechnik. Kennen Sie die enge Zielgruppe (mehrfach gewalttätige junge Menschen) und den Ursprung bei Weidner. Und behalten Sie die ehrliche Einordnung im Blick: Dieser Kurs schafft Verständnis, ersetzt aber keine Trainerausbildung. Wie die Haltung hinter dem Ansatz aussieht — die konfrontative Pädagogik —, zeigt das nächste Modul.

9. Übungen

✎ Übung 1 — Die Zahlen einordnen
Was zeigen die Daten der PKS 2024 zur Gewaltkriminalität junger Menschen — und warum sind Statistiken mit Vorsicht zu lesen?
Lösungshinweis anzeigen
Die Gewaltkriminalität erreichte 2024 einen Höchststand (rund 217.000 Fälle, +1,5 %); bei jugendlichen Tatverdächtigen +3,8 %, bei Kindern +11,3 % (BKA, PKS 2024). Vorsicht: Die Statistik zeigt nur das Hellfeld und wird von Anzeige- und Kontrollverhalten beeinflusst; sie erklärt keine Ursachen.
✎ Übung 2 — Ursprung und Zielgruppe
Wer hat das AAT entwickelt, wo und wann wurde es erstmals durchgeführt, und für wen ist es gedacht?
Lösungshinweis anzeigen
Jens Weidner; erstmals 1987 in der JVA Hameln. Zielgruppe: mehrfach gewalttätig auffällig gewordene junge Menschen, überwiegend männlich, ca. 16–21 Jahre.
✎ Übung 3 — Abgrenzung
Nennen Sie drei Unterschiede zwischen Deeskalation und Antigewalt-Training.
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Z. B.: Ziel (Situation beruhigen vs. Verhalten verändern); Adressat (Fachkraft vs. gewalttätiger Mensch); Zeithorizont (Minuten vs. Monate); Grundhaltung (beruhigen vs. konfrontieren).
✎ Übung 4 — Den Irrtum entkräften
Warum ist AGT kein „Bootcamp“ und keine Einschüchterung?
Lösungshinweis anzeigen
Konfrontation dient der Selbstreflexion, nicht der Demütigung, und ist mit Beziehung und Wertschätzung verbunden („Konfrontation mit Herz“). Härte ohne Beziehung wäre fachlich falsch und wirkungslos.
Das Wichtigste in Kürze
  • Offizielle Daten (BKA, PKS 2024) zeigen einen Höchststand der Gewaltkriminalität; Kinder +11,3 %, Jugendliche +3,8 %.
  • Antigewalt-Training arbeitet mit den Verursachern von Gewalt; bekanntester Ansatz: Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) nach Weidner.
  • Ursprung: 1987, JVA Hameln. Zielgruppe: mehrfach gewalttätige junge Menschen (ca. 16–21 Jahre).
  • AGT ist nicht Deeskalation: Verhalten verändern (Monate) statt Situation beruhigen (Minuten).
  • Dieser Kurs vermittelt Grundlagen — er ist keine Trainerausbildung (AAT®/Coolness-Training® sind geschützte Verfahren).

Quellenangaben & wissenschaftliche Grundlage

Die Inhalte stützen sich auf die unten genannte Fachliteratur, Fachbeiträge und offizielle Statistiken. Wörtliche Zitate und Zahlen sind überprüft. Alle Schaubilder, Tabellen und Übersichten in diesem Kurs sind eigene Darstellungen (mit KI erstellt) — inhaltlich nach den angegebenen Quellen. Namen in den Fallbeispielen sind frei erfunden.

  • Weidner, J. (1990): Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter. Ein deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug. Bonn: Forum Verlag Godesberg. (Erstmals erprobt 1987 in der JVA Hameln.)
  • socialnet Lexikon: Anti-Aggressivitäts-Training. Bonn: socialnet (abgerufen 2025). www.socialnet.de/lexikon
  • Bundeskriminalamt (BKA) (2025): Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2024. Wiesbaden: Bundeskriminalamt. (Offizielle Statistik.)
  • Deutsches Institut für Konfrontative Pädagogik (DIKP): Grundlagen des Anti-Aggressivitäts-Trainings® (AAT®) und des Coolness-Trainings®. www.konfrontative-paedagogik.de
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Last modified: Sunday, 18 October 2026, 8:54 PM