Modul 5 · ca. 50 Min.

Genogramm in der Praxis

Zum Abschluss geht es ums Anwenden: Wie erstellt man ein Genogramm gemeinsam im Gespräch, mit welcher Haltung, und wo liegen Chancen und Grenzen? Dieses Modul macht Sie startklar für die eigene Praxis.

Lernziele – nach diesem Modul kannst du …
  • ein Genogramm im Gespräch erstellen
  • die richtige Haltung dabei einnehmen
  • Chancen und Grenzen der Methode einschätzen
  • Datenschutz und Sensibilität beachten
In diesem Modul
  • 1. Genogramm ist Gespräch
  • 2. Schritt für Schritt vorgehen
  • 3. Die richtige Haltung
  • 4. Chancen und Grenzen
  • 5. Sensibilität & Datenschutz
  • 6. Ein häufiger Irrtum
  • 7. Näher betrachtet: ein Fall
  • 8. Was das für die Praxis heißt
  • 9. Übungen
  • 10. Wie geht es weiter?

1. Genogramm ist Gespräch

Ein Genogramm entsteht nicht am Schreibtisch über jemanden, sondern im Gespräch mit der Person. Das gemeinsame Zeichnen ist der eigentliche Wert: Während man fragt und einzeichnet, kommen Geschichten, Zusammenhänge und Gefühle zur Sprache. Das Blatt Papier ist dabei ein gemeinsamer Dritter — man schaut zusammen darauf, statt sich gegenüberzusitzen.

Merke
Das Genogramm ist Mittel zum Zweck: Der Wert liegt nicht in der fertigen Zeichnung, sondern im gemeinsamen Erarbeiten und den Gesprächen, die dabei entstehen.

2. Schritt für Schritt vorgehen

Ein bewährter Ablauf hilft, das Gespräch zu strukturieren — ohne es zum Verhör zu machen.

Ein einfacher Ablauf
mit der Indexperson beginnen
→
Eltern & Geschwister ergänzen
→
Großeltern hinzufügen
→
Beziehungen einzeichnen
→
Ressourcen & Muster besprechen
↻ und wieder von vorn — als fortlaufender Kreislauf

Man beginnt bei der Person selbst, ergänzt Schritt für Schritt Eltern, Geschwister und Großeltern, und zeichnet dann die Beziehungen ein. Zum Schluss schaut man gemeinsam auf das Bild: Was fällt auf? Welche Stärken, welche Muster? Das Tempo bestimmt die Person — nicht jedes Feld muss ausgefüllt werden.

3. Die richtige Haltung

Entscheidend ist die Haltung. Genogrammarbeit berührt Persönliches, manchmal Schmerzhaftes. Deshalb gelten dieselben Grundsätze wie für jedes gute Gespräch:

Haltung in der Genogrammarbeit
Neugier statt Bewertung
interessiert fragen, nicht urteilen
Tempo der Person
nichts erzwingen, Pausen zulassen
Wertschätzung
auch schwierige Familien respektieren
Ressourcenblick
Stärken aktiv würdigen

4. Chancen und Grenzen

Das Genogramm ist ein wunderbares Werkzeug — aber kein Allheilmittel. Ehrlich betrachtet hat es Chancen und Grenzen, die man kennen sollte.

Chancen
  • schneller Überblick über die Familie
  • Beziehungen & Muster werden sichtbar
  • guter, entlastender Gesprächseinstieg
  • Ressourcen werden erkennbar
Grenzen
  • kann Schmerzhaftes berühren
  • Linien sind Deutungen, keine Fakten
  • ersetzt keine Diagnose/Therapie
  • braucht Zeit und Vertrauen

Wichtig: Wenn beim Zeichnen belastende Themen aufbrechen (Gewalt, Trauma, tiefe Konflikte), ist das ein Signal, behutsam zu sein und ggf. weitere Unterstützung einzubeziehen. Das Genogramm öffnet Türen — es muss nicht alles auf einmal bearbeitet werden.

5. Sensibilität & Datenschutz

Ein Genogramm enthält hochsensible persönliche Daten — über die Person und über Dritte (Familienmitglieder). Deshalb gelten klare Regeln: nur mit Einverständnis arbeiten, sicher aufbewahren, nicht ohne Weiteres weitergeben und die datenschutzrechtlichen Vorgaben der Einrichtung beachten. Die Person entscheidet mit, was aufgeschrieben wird — und was nicht.

Datenschutz beachten
Ein Genogramm gehört zu den Falldaten und unterliegt der Schweigepflicht und dem Datenschutz. Es wird nur mit Einverständnis erstellt, sicher verwahrt und nicht unbefugt weitergegeben.

6. Ein häufiger Irrtum

✗ Häufiger Irrtum
„Ein Genogramm zeichnet man am besten allein, um es der Person dann fertig zu präsentieren.“
Tatsächlich: Das verfehlt den Sinn. Der Wert entsteht im gemeinsamen Erarbeiten — im Fragen, Erzählen und Entdecken. Ein fertig präsentiertes Genogramm nimmt der Person die Beteiligung und wirkt schnell wie eine Beurteilung von außen.

7. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Behutsam ins Gespräch
Beraterin Frau Horvath schlägt Frau Demirci vor, gemeinsam ein Genogramm zu zeichnen — „damit ich Ihre Familie besser verstehe“. Sie beginnt bei Frau Demirci selbst und fragt sich langsam vor. Als es um den früh verstorbenen Bruder geht, wird Frau Demirci still; Frau Horvath drängt nicht, sondern lässt eine Pause und sagt: „Wir können das gern kurz stehen lassen.“ Am Ende schauen beide auf das Bild. Frau Demirci entdeckt selbst, wie viel Kraft in der Beziehung zu ihrer Tante liegt — und dass sie mit der Sorge um die Kinder nicht allein dasteht. Das Genogramm hat nichts „bewiesen“, aber viel eröffnet.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

8. Was das für die Praxis heißt

Für Ihre Praxis fassen wir zusammen: Erstellen Sie Genogramme gemeinsam im Gespräch, Schritt für Schritt, im Tempo der Person. Bringen Sie eine Haltung von Neugier und Wertschätzung mit und achten Sie aktiv auf Ressourcen. Kennen Sie die Grenzen — das Genogramm ersetzt keine Therapie — und behandeln Sie die Daten mit größter Sensibilität und Datenschutz. Dann ist das Genogramm eines der wirksamsten und zugleich einfachsten Werkzeuge, die Ihnen zur Verfügung stehen.

9. Übungen

✎ Übung 1 — Warum gemeinsam?
Erklären Sie, warum ein Genogramm im Gespräch und nicht allein erstellt wird.
Lösungshinweis anzeigen
Der Wert liegt im gemeinsamen Erarbeiten: Beim Fragen und Erzählen entstehen Zusammenhänge, Entlastung und Beteiligung. Ein allein erstelltes, fertig präsentiertes Genogramm wirkt wie eine Beurteilung von außen.
✎ Übung 2 — Ablauf
Skizzieren Sie einen sinnvollen Ablauf für das Erstellen eines Genogramms.
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Bei der Indexperson beginnen → Eltern & Geschwister ergänzen → Großeltern hinzufügen → Beziehungen einzeichnen → gemeinsam Ressourcen und Muster besprechen. Tempo bestimmt die Person.
✎ Übung 3 — Grenzen
Nennen Sie zwei Grenzen der Genogrammarbeit.
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Z. B.: Es kann Schmerzhaftes berühren; die Linien sind Deutungen, keine Fakten; es ersetzt keine Diagnose/Therapie; es braucht Zeit und Vertrauen.
✎ Übung 4 — Datenschutz
Welche Grundsätze gelten für den Umgang mit einem Genogramm?
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Nur mit Einverständnis erstellen; sensible Daten (auch über Dritte) sicher verwahren; Schweigepflicht/Datenschutz beachten; nicht unbefugt weitergeben; die Person entscheidet mit, was aufgeschrieben wird.
✎ Übung 5 — Ihr Transfer
Welche eine Sache aus diesem Kurs möchten Sie in Ihrer Praxis ausprobieren?
Lösungshinweis anzeigen
Individuelle Antworten. Schon ein erstes, einfaches Genogramm (drei Symbole, drei Generationen, gemeinsam gezeichnet) kann einen großen Unterschied im Verstehen machen.
Das Wichtigste in Kürze
  • Ein Genogramm entsteht gemeinsam im Gespräch — das Erarbeiten ist der eigentliche Wert.
  • Bewährter Ablauf: Indexperson → Eltern/Geschwister → Großeltern → Beziehungen → Ressourcen/Muster.
  • Haltung: Neugier statt Bewertung, Tempo der Person, Wertschätzung, Ressourcenblick.
  • Chancen (Überblick, Muster, Gesprächseinstieg) und Grenzen (kein Therapieersatz, Deutungen) kennen.
  • Sensible Daten: nur mit Einverständnis, Schweigepflicht und Datenschutz beachten.

10. Wie geht es weiter?

Herzlichen Glückwunsch — Sie kennen jetzt die Grundlagen der Genogrammarbeit und können Ihr erstes eigenes Genogramm zeichnen! Wenn Sie tiefer in systemisches Arbeiten und Fallverstehen einsteigen möchten, bauen unsere weiterführenden Kurse darauf auf.

Weiterlernen — vertiefende Kurse

Dieser Grundlagenkurs war ein Einstieg. Vertiefen können Sie das Thema in unseren aufbauenden Fortbildungen im E-Learning-Bereich — etwa zu systemischer Beratung, Traumasensibler Arbeit oder Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII). Fundiert, flexibel und mit Teilnahmebescheinigung.


Quellen & weiterführende Literatur

Die fachlichen Grundlagen stützen sich auf die genannte Standardliteratur. Namen in den Fallbeispielen sind frei erfunden und dienen nur der Veranschaulichung.

  • McGoldrick, M., Gerson, R. & Petry, S.: Genogramme in der Familienberatung. Bern: Hogrefe (dt. Ausgabe des Standardwerks).
  • McGoldrick, M. & Gerson, R. (1985): Genograms: Assessment and Intervention. New York: W. W. Norton (Erstausgabe des Genogramm-Standardwerks).
  • Bowen, M.: Family Therapy in Clinical Practice — Grundlage der Mehrgenerationenperspektive (Bowen’sche Familiensystemtheorie).
  • socialnet Lexikon: Genogramm. In: socialnet Lexikon. Bonn: socialnet (abgerufen 2025).
Freiwillige Selbstauskunft – wird in Ihrem Kurskonto gespeichert. Sobald alle Module als erledigt markiert sind, steht Ihre Teilnahmebescheinigung bereit.
Last modified: Sunday, 18 October 2026, 8:54 PM