Modul 1 · ca. 45 Min.

Was ist ein Genogramm?

Ein Genogramm macht Familie sichtbar — nicht nur, wer zu wem gehört, sondern wie die Beziehungen wirken und welche Muster sich über Generationen wiederholen. Dieser kostenlose Grundlagenkurs führt Sie Schritt für Schritt ein. Dieses Modul klärt die Grundlagen.

Lernziele – nach diesem Modul kannst du …
  • ein Genogramm definieren
  • den Unterschied zwischen Genogramm und Stammbaum erklären
  • die Herkunft (McGoldrick/Gerson, Bowen) einordnen
  • den Nutzen für die Soziale Arbeit benennen
In diesem Modul
  • 1. Familie sichtbar machen
  • 2. Was ist ein Genogramm?
  • 3. Genogramm oder Stammbaum?
  • 4. Woher kommt die Methode?
  • 5. Wozu in der Sozialen Arbeit?
  • 6. Ein häufiger Irrtum
  • 7. Näher betrachtet: ein Fall
  • 8. Was das für die Praxis heißt
  • 9. Übungen

1. Familie sichtbar machen

Menschen sind eingebettet in Familien — und vieles, was Fachkräfte in der Sozialen Arbeit begegnet, lässt sich erst verstehen, wenn man diesen familiären Zusammenhang kennt. Ein Genogramm ist ein einfaches, aber kraftvolles Werkzeug dafür: Es zeichnet die Familie auf ein Blatt Papier und macht Beziehungen, Rollen und wiederkehrende Muster auf einen Blick sichtbar.

Merke
Ein Genogramm ist eine grafische Landkarte der Familie — sie zeigt nicht nur Verwandtschaft, sondern auch, wie Beziehungen wirken und was sich über Generationen wiederholt.

2. Was ist ein Genogramm?

Fachlich ist ein Genogramm die grafische Darstellung von Beziehungen und Strukturen innerhalb einer Familie (vgl. socialnet Lexikon). Das Wort stammt aus dem Griechischen: genea (Abstammung) und graphein (schreiben, zeichnen). Ein Genogramm hält also nicht nur fest, wer mit wem verwandt ist, sondern auch, wie die Menschen zueinander stehen — nah oder distanziert, konflikthaft oder unterstützend — und über mindestens drei Generationen hinweg.

„Ein Genogramm ist die grafische Darstellung von Beziehungen und Strukturen innerhalb einer Familie.“
— socialnet Lexikon

3. Genogramm oder Stammbaum?

Ein Genogramm sieht auf den ersten Blick wie ein Stammbaum aus — und wird oft damit verwechselt. Der Unterschied ist aber entscheidend: Ein Stammbaum dokumentiert genealogische Fakten (wer von wem abstammt, Namen, Daten). Ein Genogramm geht weit darüber hinaus: Es macht Beziehungsqualitäten, psychologische Aspekte und wiederkehrende Muster sichtbar.

Stammbaum
  • dokumentiert Abstammung & Fakten
  • Namen, Geburts-/Sterbedaten
  • wer gehört zu wem
  • genealogische Perspektive
Genogramm
  • zeigt Beziehungen & Dynamiken
  • Nähe, Distanz, Konflikte, Muster
  • wie die Menschen zueinander stehen
  • psychosoziale Perspektive

4. Woher kommt die Methode?

Das Genogramm hat seine Wurzeln in der Familientherapie. Maßgeblich geprägt wurde es von Monica McGoldrick und Randy Gerson, deren Standardwerk Genograms: Assessment and Intervention (1985; dt. Genogramme in der Familienberatung) bis heute die Grundlage bildet. Theoretisch steht dahinter die Mehrgenerationenperspektive von Murray Bowen: die Idee, dass sich familiäre Muster — Beziehungsstile, Rollen, auch Belastungen — über Generationen weitergeben können.

🔎 Exkurs — Die Mehrgenerationenperspektive (Bowen)
Murray Bowen ging davon aus, dass sich Menschen nur im Zusammenhang ihrer Herkunftsfamilie wirklich verstehen lassen. Emotionale Muster, ungelöste Konflikte oder Rollen (etwa „die Starke“, „das Sorgenkind“) können sich unbewusst von einer Generation zur nächsten fortsetzen. Das Genogramm macht solche Muster sichtbar — und damit besprechbar.

5. Wozu in der Sozialen Arbeit?

Das Genogramm ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug der Therapie. Es wird heute in der Beratung, in der Kinder- und Jugendhilfe und in der systemischen Arbeit breit eingesetzt. Sein Nutzen ist vielfältig: Es hilft, eine Familie schnell zu überblicken, Ressourcen und Belastungen zu erkennen, gemeinsam mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen und Hypothesen für die Unterstützung zu entwickeln.

Nutzen des Genogramms
Überblick
die Familie auf einen Blick erfassen
Beziehungen
Nähe, Distanz und Konflikte sichtbar machen
Ressourcen
Stärken und Unterstützung im System erkennen
Gespräch
gemeinsam mit der Familie erarbeiten

6. Ein häufiger Irrtum

✗ Häufiger Irrtum
„Ein Genogramm ist doch nur ein hübsch gezeichneter Stammbaum.“
Tatsächlich: Nein — das ist der häufigste Irrtum. Ein Stammbaum hält Fakten fest; ein Genogramm zeigt Beziehungen und Muster. Genau diese Beziehungsebene — wer wem nahe steht, wo Konflikte liegen, was sich wiederholt — macht das Genogramm zum fachlichen Werkzeug (McGoldrick & Gerson).

7. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Ein erster Blick auf Familie Sari
Sozialarbeiterin Frau Wolf lernt die Familie Sari kennen: viele Namen, unklare Verhältnisse, eine angespannte Stimmung. Statt sich in Notizen zu verlieren, zeichnet sie gemeinsam mit der Familie ein Genogramm. Schon nach wenigen Minuten wird sichtbar: Die Mutter trägt die Sorge für drei Kinder weitgehend allein, zur Großmutter besteht enger Kontakt (eine wichtige Ressource!), zum Vater ist die Beziehung abgebrochen. Was vorher ein verwirrendes Knäuel war, liegt nun klar vor Augen — und die Familie selbst erkennt beim Zeichnen Zusammenhänge, über die sie ins Gespräch kommt.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

8. Was das für die Praxis heißt

Für Ihre Arbeit legt dieses Modul den Grund: Verstehen Sie das Genogramm als Beziehungslandkarte, nicht als Stammbaum. Nutzen Sie es, um Familien schnell zu überblicken, Ressourcen und Belastungen zu erkennen und — ganz wichtig — gemeinsam mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Wie man ein Genogramm konkret zeichnet, lernen Sie ab dem nächsten Modul: zuerst die Grundsymbole.

9. Übungen

✎ Übung 1 — Definition
Erklären Sie in zwei bis drei Sätzen, was ein Genogramm ist.
Lösungshinweis anzeigen
Ein Genogramm ist die grafische Darstellung von Beziehungen und Strukturen innerhalb einer Familie — über mindestens drei Generationen. Es zeigt nicht nur Verwandtschaft, sondern auch Beziehungsqualitäten und wiederkehrende Muster.
✎ Übung 2 — Der Unterschied
Worin unterscheidet sich ein Genogramm von einem Stammbaum?
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Der Stammbaum dokumentiert Fakten (Abstammung, Namen, Daten). Das Genogramm zeigt zusätzlich Beziehungen und Dynamiken (Nähe, Distanz, Konflikte) und macht Muster über Generationen sichtbar.
✎ Übung 3 — Herkunft
Wer hat das Genogramm maßgeblich geprägt, und welche Perspektive steht dahinter?
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McGoldrick & Gerson (Standardwerk, 1985) haben es geprägt. Dahinter steht die Mehrgenerationenperspektive von Murray Bowen: familiäre Muster können sich über Generationen weitergeben.
✎ Übung 4 — Nutzen
Nennen Sie drei Vorteile des Genogramms in der Sozialen Arbeit.
Lösungshinweis anzeigen
Z. B.: schneller Überblick über die Familie; Sichtbarmachen von Beziehungen und Konflikten; Erkennen von Ressourcen; gemeinsames Erarbeiten als Gesprächseinstieg; Grundlage für Hypothesen.
Das Wichtigste in Kürze
  • Ein Genogramm ist die grafische Darstellung von Beziehungen und Strukturen einer Familie (mind. drei Generationen).
  • Es unterscheidet sich vom Stammbaum: nicht nur Fakten, sondern Beziehungen und Muster.
  • Geprägt von McGoldrick & Gerson; theoretisch fundiert in Bowens Mehrgenerationenperspektive.
  • Nutzen in der Sozialen Arbeit: Überblick, Beziehungen & Ressourcen sichtbar machen, Gesprächseinstieg.

Quellen & weiterführende Literatur

Die fachlichen Grundlagen stützen sich auf die genannte Standardliteratur. Namen in den Fallbeispielen sind frei erfunden und dienen nur der Veranschaulichung.

  • socialnet Lexikon: Genogramm. In: socialnet Lexikon. Bonn: socialnet (abgerufen 2025).
  • McGoldrick, M., Gerson, R. & Petry, S.: Genogramme in der Familienberatung. Bern: Hogrefe (dt. Ausgabe des Standardwerks).
  • McGoldrick, M. & Gerson, R. (1985): Genograms: Assessment and Intervention. New York: W. W. Norton (Erstausgabe des Genogramm-Standardwerks).
  • Bowen, M.: Family Therapy in Clinical Practice — Grundlage der Mehrgenerationenperspektive (Bowen’sche Familiensystemtheorie).
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Zuletzt geändert: Sonntag, 18. Oktober 2026, 20:54