Modul 2 · ca. 50 Min.

Wie Konflikte eskalieren – die neun Stufen

Konflikte entgleisen nicht plötzlich, sondern Stufe für Stufe. Wer die Dynamik kennt, erkennt früh, wohin es geht — und kann rechtzeitig gegensteuern. Dieses Modul nutzt das bekannte Stufenmodell von Friedrich Glasl.

Lernziele – nach diesem Modul kannst du …
  • die Eskalationsdynamik von Konflikten verstehen
  • die drei Ebenen der Eskalation (Glasl) unterscheiden
  • die neun Stufen grob einordnen
  • Frühwarnzeichen einer Eskalation erkennen
In diesem Modul
  • 1. Eskalation ist ein Prozess
  • 2. Die drei Ebenen (Glasl)
  • 3. Die neun Stufen im Überblick
  • 4. Frühwarnzeichen erkennen
  • 5. Ein häufiger Irrtum
  • 6. Näher betrachtet: ein Fall
  • 7. Was das für die Praxis heißt
  • 8. Übungen

1. Eskalation ist ein Prozess

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl hat gezeigt, dass Konflikte einer typischen Dynamik folgen: Sie eskalieren in Stufen, wobei jede Stufe schwerer umkehrbar ist als die vorige. Das Wichtige daran ist die gute Nachricht: Weil Eskalation ein Prozess ist, gibt es an jeder Stufe die Chance einzugreifen — und je früher, desto leichter.

Merke
Konflikte eskalieren nicht plötzlich, sondern schrittweise. Je früher man die Dynamik erkennt, desto einfacher lässt sie sich noch drehen.

2. Die drei Ebenen (Glasl)

Glasl fasst die neun Stufen zu drei Ebenen zusammen. Sie beschreiben, wie sich das Verhältnis der Beteiligten verändert — von der noch gemeinsamen Lösung bis zur gegenseitigen Zerstörung.

Die drei Ebenen der Eskalation
Win-Win
Stufen 1–3: gemeinsame Lösung noch möglich
→
Win-Lose
Stufen 4–6: einer will gewinnen, einer verlieren
→
Lose-Lose
Stufen 7–9: beide nehmen Schaden in Kauf

Auf der ersten Ebene (Win-Win) geht es noch um die Sache; beide könnten gewinnen. Auf der zweiten (Win-Lose) rückt der Sieg über den anderen in den Vordergrund. Auf der dritten (Lose-Lose) nehmen beide den eigenen Schaden in Kauf, wenn nur der andere mehr verliert. Für die Soziale Arbeit gilt: Fast alle Alltagssituationen spielen sich auf der ersten Ebene ab — genau dort ist Deeskalation am wirksamsten.

3. Die neun Stufen im Überblick

Man muss die neun Stufen nicht auswendig können — aber ein Überblick hilft, die Richtung einer Zuspitzung einzuschätzen.

EbeneStufeKurz erklärt
Win-Win1. VerhärtungStandpunkte verhärten sich, erste Spannungen
Win-Win2. Debatte / PolemikWortgefechte, Schwarz-Weiß-Denken
Win-Win3. Taten statt WorteReden bringt nichts mehr, man schafft Fakten
Win-Lose4. Koalitionen / Imagesman sucht Verbündete, es geht ums Gewinnen
Win-Lose5. Gesichtsverlustder andere wird öffentlich bloßgestellt
Win-Lose6. DrohstrategienDrohungen und Ultimaten
Lose-Lose7.–9.begrenzte Zerstörung, Zersplitterung, gemeinsam in den Abgrund

Der entscheidende Kipppunkt liegt zwischen Ebene 1 und 2: Solange es um die Sache geht (Stufen 1–3), lässt sich meist noch gemeinsam eine Lösung finden. Sobald es darum geht, den anderen zu besiegen (ab Stufe 4), wird es deutlich schwieriger. Deeskalation zielt darauf, gar nicht erst über diesen Kipppunkt zu rutschen.

🧠 Merkhilfe — so bleibt es hängen
Merken Sie sich vor allem die drei Ebenen: gemeinsam lösen (Win-Win) → gegeneinander gewinnen (Win-Lose) → gemeinsam untergehen (Lose-Lose). Ziel: auf Ebene 1 bleiben.

4. Frühwarnzeichen erkennen

Je früher man eine beginnende Eskalation bemerkt, desto leichter die Deeskalation. Auf diese Signale lohnt es sich zu achten — bei anderen und bei sich selbst.

Frühwarnzeichen
Stimme
lauter, schärfer, schneller
Körper
Anspannung, Zeigefinger, Distanz verringert sich
Sprache
Verallgemeinerungen („immer“, „nie“), Vorwürfe
Inhalt
weg von der Sache, hin zur Person
❓ Kurz nachgedacht
Woran erkennen Sie, dass ein Konflikt gerade den Kipppunkt von der Sach- zur Beziehungsebene überschreitet?
Antwort anzeigen
Wenn es nicht mehr um die Sache geht, sondern darum, den anderen zu besiegen, bloßzustellen oder abzuwerten (ab Stufe 4/5). Sprachlich: persönliche Angriffe statt Sachargumente, „immer/nie“-Sätze, Suche nach Verbündeten.

5. Ein häufiger Irrtum

✗ Häufiger Irrtum
„Wenn ein Konflikt erst mal laut wird, kann man ohnehin nichts mehr machen.“
Tatsächlich: Im Gegenteil: Gerade in frühen und mittleren Stufen lässt sich fast immer noch gegensteuern. Selbst lautstarke Erregung ist oft nur Stufe 1–2 — also gut deeskalierbar. Wer die Stufen kennt, gibt nicht vorschnell auf.

6. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Ein Streit in der Wohngruppe
In einer Jugendwohngruppe geraten zwei Bewohner, Kevin und Amar, wegen der Fernbedienung aneinander. Zunächst nur ein Wörtchen hin und her (Verhärtung), dann lautes Anschreien und gegenseitige Vorwürfe (Debatte). Der Betreuer bemerkt die Frühzeichen — lautere Stimmen, Näher-Herantreten — und geht dazwischen, bevor es zu Stufe 3 (Taten statt Worte) kommt. Er trennt räumlich, spricht ruhig mit jedem einzeln und bringt beide zurück auf die Sache. Hätte er gewartet, bis „etwas passiert“, wäre die Deeskalation ungleich schwerer gewesen. Früh erkennen heißt leicht eingreifen.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

7. Was das für die Praxis heißt

Für Ihren Alltag ist die Botschaft klar: Betrachten Sie Eskalation als Prozess mit Stufen, nicht als plötzliches Ereignis. Achten Sie auf die Frühwarnzeichen und greifen Sie ein, solange es noch um die Sache geht (Ebene 1). Und geben Sie nicht vorschnell auf: In den frühen Stufen ist Deeskalation am wirksamsten. Wie Sie dabei selbst ruhig bleiben, zeigt das nächste Modul.

8. Übungen

✎ Übung 1 — Die drei Ebenen
Nennen Sie die drei Ebenen der Eskalation nach Glasl und erklären Sie sie kurz.
Lösungshinweis anzeigen
Win-Win (Stufen 1–3): gemeinsame Lösung noch möglich. Win-Lose (4–6): einer will gewinnen, der andere verlieren. Lose-Lose (7–9): beide nehmen Schaden in Kauf.
✎ Übung 2 — Der Kipppunkt
Warum ist der Übergang von Ebene 1 zu Ebene 2 so entscheidend?
Lösungshinweis anzeigen
Solange es um die Sache geht (Ebene 1), ist eine gemeinsame Lösung möglich. Ab Ebene 2 geht es darum, den anderen zu besiegen — das macht Verständigung viel schwerer. Deeskalation will diesen Übergang verhindern.
✎ Übung 3 — Frühwarnzeichen
Nennen Sie vier Signale, an denen Sie eine beginnende Eskalation erkennen.
Lösungshinweis anzeigen
Z. B.: lautere/schärfere Stimme; körperliche Anspannung, Verringern der Distanz; Verallgemeinerungen („immer/nie“) und Vorwürfe; Wechsel von der Sach- zur Beziehungsebene (persönliche Angriffe).
✎ Übung 4 — Früh eingreifen
Erklären Sie am Beispiel der Wohngruppe, warum frühes Eingreifen leichter ist.
Lösungshinweis anzeigen
Auf frühen Stufen (Verhärtung, Debatte) geht es noch um die Sache und die Beteiligten sind noch ansprechbar. Wartet man bis zu „Taten statt Worte“ oder höher, sind Emotionen und Verletzungen größer — Deeskalation wird schwerer.
Das Wichtigste in Kürze
  • Konflikte eskalieren als Prozess in Stufen (Glasl) — jede Stufe ist schwerer umkehrbar.
  • Drei Ebenen: Win-Win (1–3), Win-Lose (4–6), Lose-Lose (7–9).
  • Der Kipppunkt liegt zwischen Sache (Ebene 1) und Besiegen-Wollen (ab Ebene 2).
  • Frühwarnzeichen: Stimme, Körper, Sprache, Wechsel zur Beziehungsebene.
  • Je früher erkannt, desto leichter deeskaliert — nicht vorschnell aufgeben.

Quellen & weiterführende Literatur

Die fachlichen Grundlagen stützen sich auf die genannte Standardliteratur. Namen in den Fallbeispielen sind frei erfunden und dienen nur der Veranschaulichung.

  • Glasl, F.: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Bern/Stuttgart: Haupt / Freies Geistesleben (Modell der neun Eskalationsstufen).
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Zuletzt geändert: Sonntag, 18. Oktober 2026, 20:54