Expertenstandard Hautintegrität: IAD, Skin Tears & Co.
Expertenstandard Hautintegrität: IAD, Intertrigo, Skin Tears und trockene Haut im Pflegealltag
Der Expertenstandard Hautintegrität des DNQP – mit vollem Titel „Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege“ – gibt Pflegeteams einen fachlichen Rahmen, um vier häufige Hautprobleme früh zu erkennen und ihnen gezielt vorzubeugen: inkontinenzassoziierte Dermatitis (IAD), Intertrigo, Skin Tears und trockene Haut (Xerosis cutis). Der Expertenstandard Hautintegrität betrifft pflegebedürftige Menschen aller Altersgruppen außer Frühgeborenen – egal ob sie zu Hause, im Pflegeheim oder in der Klinik versorgt werden (DNQP, 2023).
Öffentlich einsehbar ist ein Auszug vom Mai 2023; 2024 folgte das vollständige Buch, das auch die Erfahrungen aus der Erprobung in Modelleinrichtungen enthält. Wichtig für die Praxis: Der neue Standard steht neben dem Expertenstandard Dekubitusprophylaxe und löst ihn nicht ab (DNQP, 2026).
- Vier Themen: IAD, Intertrigo, Skin Tears und Xerosis cutis.
- Dekubitus, chronische Wunden und andere Hauterkrankungen haben eigene Standards bzw. liegen außerhalb des Geltungsbereichs.
- Gliederung in fünf Ebenen: Einschätzung, Planung, Information und Beratung, Durchführung, Evaluation.
- Expertenstandards sind keine Gesetze, beschreiben aber fachlich den anerkannten Stand der Pflege.
- Hautprobleme treten bei älteren Menschen oft gleichzeitig auf – ein gemeinsamer Blick auf die Haut lohnt sich.
Was der Expertenstandard Hautintegrität abdeckt – und was nicht
Unter Hautintegrität versteht der Standard sinngemäß zweierlei: eine unversehrte Hautstruktur und eine Hautfunktion, die diese Struktur dauerhaft aufrechterhält. Pflege setzt also nicht erst bei Schäden an, sondern stärkt die Haut vorausschauend. Nicht behandelt werden Dekubitus, chronische Wunden und sonstige dermatologische Erkrankungen. Dafür führt das DNQP eigene Standards, etwa zur Dekubitusprophylaxe (2. Aktualisierung 2017) und zur Pflege von Menschen mit chronischen Wunden (2. Aktualisierung 2025).
| Hautproblem | Kurz erklärt | Pflegerischer Fokus |
|---|---|---|
| IAD (bei Säuglingen: Windeldermatitis) | Reizung der Haut durch Urin und/oder Stuhl; zählt zu den feuchtigkeitsbedingten Hautschäden | Schonend reinigen, mit Barriereprodukt schützen, Hautbarriere wieder aufbauen |
| Intertrigo | Wunde, gerötete Haut in Hautfalten | Falten regelmäßig ansehen, trocken halten, Auffälligkeiten ärztlich abklären lassen |
| Skin Tears | Traumatische Hautverletzung durch mechanische Kräfte, die nicht durch die Subkutis reicht | Sicheres Handling, vorsichtiges Lösen von Klebematerial, Risiko früh erkennen |
| Xerosis cutis | Trockene, oft schuppige und juckende Haut | Symptomorientiert mit feuchtigkeitsspendender und rückfettender Pflege versorgen |
Aufbau: die fünf Ebenen des Expertenstandards Hautintegrität
Wie alle DNQP-Standards ordnet auch dieser seine Anforderungen nach Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien auf fünf Ebenen. Daraus ergibt sich ein Ablauf, der dem Pflegeprozess folgt:
Risiken und bestehende Hautprobleme erfassen.
Individuelle Maßnahmen festlegen.
Betroffene und Angehörige einbeziehen.
Maßnahmen fachgerecht umsetzen.
Wirkung überprüfen und nachsteuern.
Die Verantwortung ist geteilt: Das leitende Management sorgt für Ressourcen, geeignete Materialien und Fortbildungsmöglichkeiten. Pflegefachpersonen verantworten, sich die nötige Kompetenz anzueignen und den Standard fachgerecht umzusetzen. Einschätzung, Pflegeplanung und Evaluation gehören nach § 4 PflBG („Vorbehaltene Aufgaben, Pflegeprozessverantwortung“, seit 1. Januar 2026) zu den Aufgaben, die Personen mit Erlaubnis nach § 1 PflBG vorbehalten sind. Pflegehilfskräfte tragen durch aufmerksame Beobachtung und die Umsetzung geplanter Maßnahmen wesentlich bei.
IAD, Skin Tears und Co. sicher unterscheiden
Eine IAD wird im Alltag leicht mit einem Dekubitus verwechselt. Anhaltspunkte für die Unterscheidung: Bei der IAD stehen Feuchtigkeit und chemische Reizung im Vordergrund, nicht Druck oder Scherkräfte. Die Rötung wirkt eher flächig und unscharf begrenzt und liegt typischerweise im Bereich von Damm, Gesäß und Oberschenkeln statt über Knochenvorsprüngen (Beeckman et al., 2015). Zeigen sich Infektionszeichen oder bleibt der Befund unklar, gehört die Beurteilung in ärztliche Hände.
Skin Tears entstehen häufig beim Umlagern, Anziehen oder beim Abziehen von Pflastern. Das internationale Expertengremium ISTAP unterscheidet drei Typen – ohne Hautverlust, mit teilweisem und mit vollständigem Verlust des Hautlappens – und ordnet Risiken und Vorbeugung den Bereichen allgemeiner Gesundheitszustand, Mobilität und Haut zu (International Skin Tear Advisory Panel [ISTAP], 2025).
Wie verbreitet diese Probleme sind, zeigt eine Erhebung in 17 Berliner Pflegeheimen mit 314 Bewohner:innen: Trockene Haut fand sich bei 95,9 %, Intertrigo bei 35,0 %, IAD bei 21,0 % und Skin Tears bei 10,5 %; mehr als die Hälfte hatte mindestens zwei dieser Hautprobleme (Völzer et al., 2023). In der anschließenden SKINCARE-Studie traten Skin Tears mit strukturierten Hautpflegeroutinen seltener auf (19,2 % gegenüber 27,2 %), für die IAD zeigte sich dieser Effekt nicht (Völzer et al., 2024). Beide Untersuchungen beziehen sich auf Berliner Pflegeheime – für Kliniken oder ganz Deutschland sind sie nicht repräsentativ.
Wie verbindlich ist der Expertenstandard Hautintegrität?
DNQP-Expertenstandards sind keine Rechtsnormen. Die frühere Regelung zu Expertenstandards in § 113a SGB XI wurde 2023 durch das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz aufgehoben. Trotzdem sind sie im Alltag relevant: § 11 Abs. 1 SGB XI bindet Pflegeeinrichtungen an den allgemein anerkannten Erkenntnisstand in Medizin und Pflege, und genau diesen Stand beschreiben Expertenstandards aus fachlicher Sicht. Durch eine Gesetzesänderung Ende 2025 (BGBl. 2025 I Nr. 371) ist dort außerdem die Pflegeprozessverantwortung der Pflegefachpersonen ausdrücklich verankert. Im Krankenhaus ergibt sich Vergleichbares aus § 135a SGB V, der eine Versorgung auf aktuellem wissenschaftlichem Stand sowie ein internes Qualitätsmanagement fordert.
Häufige Fragen
Ersetzt der Expertenstandard Hautintegrität die Dekubitusprophylaxe?
Nein. Beide Standards werden vom DNQP eigenständig geführt. Der Dekubitusstandard liegt in der 2. Aktualisierung von 2017 vor; der Hautintegritätsstandard ergänzt ihn um andere Hautrisiken.
Ist der Standard gesetzlich vorgeschrieben?
Ein Gesetz ist er nicht. Weil Einrichtungen nach dem anerkannten fachlichen Stand pflegen müssen, gilt er fachlich aber als wichtige Konkretisierung dieses Standes und damit als Orientierung für das Qualitätsmanagement.
Welche Rolle haben Pflegehilfskräfte?
Sie beobachten die Haut im Alltag, führen geplante Pflegemaßnahmen durch und geben Veränderungen weiter. Einschätzung, Planung und Evaluation liegen bei Pflegefachpersonen.
Was hilft bei sehr trockener Haut im Alter?
Fachlich empfohlen wird ein Vorgehen, das sich an den Beschwerden orientiert, mit feuchtigkeitsspendenden und rückfettenden Pflegeprodukten. Die beste Studienlage gibt es für Harnstoff (Urea). Bei Juckreiz, Rissen oder Entzündungszeichen sollte ärztlich abgeklärt werden.
Im Kurs erarbeiten Sie in 8 Modulen mit Fallbeispielen und Wissenscheck, wie Sie Hautrisiken einschätzen, Maßnahmen planen und Pflegebedürftige beraten – im eigenen Tempo, mit Teilnahmebescheinigung nach Bearbeitung aller Module.
Zum Selbstlernkurs: Expertenstandard Hautintegrität in der Pflege – Haut schützen →Beeckman, D., et al. (2015). Proceedings of the Global IAD Expert Panel. Incontinence-associated dermatitis: Moving prevention forward. Wounds International. https://images.skintghent.be/2018491033795_iad-best-practice-document.pdf
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.). (2023). Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege [Auszug, Stand Mai 2023]. Hochschule Osnabrück. https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Hautintegritaet/Haut_AV_Auszug.pdf
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). (2026). Übersicht der Expertenstandards (Stand September 2026). Hochschule Osnabrück. https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Weitere/Uebersicht_Expertenstandards.pdf
International Skin Tear Advisory Panel (ISTAP). (2025). Best practice recommendations for the prevention and management of skin tears in aged skin (2nd ed.). Wounds International. https://woundsinternational.com/wp-content/uploads/2025/05/ISTAP25_CD_Skin-tears_WINT_web.pdf
Völzer, B., El Genedy-Kalyoncu, M., Fastner, A., Tomova-Simitchieva, T., Neumann, K., Sill, J., Balzer, K., & Kottner, J. (2023). Prevalence and associations of xerosis cutis, incontinence-associated dermatitis, skin tears, pressure ulcers, and intertrigo in aged nursing home residents: A representative prevalence study. International Journal of Nursing Studies, 141, Article 104472. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2023.104472
Völzer, B., El Genedy-Kalyoncu, M., Fastner, A., Tomova-Simitchieva, T., Neumann, K., Hillmann, K., Blume-Peytavi, U., Hahnel, E., Sill, J., Balzer, K., & Kottner, J. (2024). Enhancing skin health and safety in aged care (SKINCARE trial): A cluster-randomised pragmatic trial. International Journal of Nursing Studies, 149, Article 104627. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2023.104627
Stand: September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.