Modul 3 — Stufen und Modelle der Partizipation
Stufen und Modelle der Partizipation
Beteiligung ist kein Alles-oder-Nichts. Zwischen „gar nicht“ und „selbst entscheiden“ liegen viele Abstufungen. Dieses Modul stellt die klassischen Stufenmodelle vor — von Arnsteins Leiter über Harts Kinder-Beteiligungsleiter bis zu Schröder und Wright — und macht sie für die Einordnung der eigenen Praxis nutzbar.
- Beteiligung als Stufenkontinuum verstehen
- Arnsteins „Ladder of Citizen Participation“ einordnen
- Harts Beteiligungsleiter für Kinder erklären
- Nicht-Partizipation von echter Beteiligung unterscheiden
- die eigene Praxis mithilfe der Modelle einschätzen
- 1. Beteiligung als Kontinuum
- 2. Arnstein (1969): die Ursprungsleiter
- 3. Hart (1992): die Beteiligungsleiter für Kinder
- 4. Die drei Stufen der Nicht-Partizipation
- 5. Die echten Beteiligungsstufen
- 6. Schröder und weitere Modelle
- 7. Modelle richtig verstehen – kein Wettlauf nach oben
- 8. Näher betrachtet: ein Fall
- 9. Übung, Zusammenfassung und Quellen
1. Beteiligung als Kontinuum
Schon in Modul 1 wurde deutlich: Zwischen dem bloßen Anhören und dem eigenständigen Entscheiden liegt ein weites Feld. Stufenmodelle machen dieses Feld sichtbar. Sie ordnen Formen der Beteiligung danach, wie viel Einfluss die Beteiligten tatsächlich haben — von der reinen Täuschung bis zur vollen Selbstbestimmung. Damit sind sie ein wertvolles Werkzeug, um die eigene Praxis ehrlich einzuschätzen.
2. Arnstein (1969): die Ursprungsleiter
Den Ursprung fast aller späteren Modelle bildet die „Ladder of Citizen Participation“ von Sherry Arnstein (1969). Sie stammt aus der Stadtplanung und beschreibt, wie viel Macht Bürgerinnen und Bürger bei öffentlichen Entscheidungen wirklich haben. Arnstein unterscheidet acht Sprossen, die sie zu drei Bereichen zusammenfasst (vgl. Arnstein 1969).
Arnsteins zentrale Einsicht: Der Unterschied zwischen einem „leeren Ritual“ der Beteiligung und echter Beteiligung liegt in der Macht — also darin, ob die Äußerungen der Betroffenen tatsächlich das Ergebnis beeinflussen. Genau dieser Gedanke prägt bis heute die Diskussion um Kinder- und Jugendbeteiligung.
3. Hart (1992): die Beteiligungsleiter für Kinder
Roger Hart hat Arnsteins Idee 1992 für die Beteiligung von Kindern weiterentwickelt. Seine „Ladder of Children’s Participation“ ist bis heute das wohl bekannteste Modell im Feld. Auch sie umfasst acht Stufen: Die unteren drei sind keine echte Beteiligung, die oberen fünf schon (vgl. Hart 1992).
Alibi | → | Zugewiesen & informiert | → | Mitwirkung | → | Mitentscheidung | → | Selbst initiiert |
4. Die drei Stufen der Nicht-Partizipation
Harts wichtigste Warnung betrifft die unteren drei Stufen. Sie sehen oft nach Beteiligung aus, sind aber keine — und werden gerade deshalb so häufig mit echter Beteiligung verwechselt.
5. Die echten Beteiligungsstufen
Erst ab der vierten Stufe beginnt bei Hart echte Beteiligung. Ihr gemeinsames Merkmal: Die Kinder verstehen, worum es geht, ihre Mitwirkung ist freiwillig, und ihre Beiträge haben Wirkung.
- Zugewiesen, aber informiert: Erwachsene geben die Aufgabe vor, aber die Kinder verstehen sie, wissen, warum sie beteiligt sind, und machen freiwillig mit.
- Konsultiert und informiert: Ein Vorhaben der Erwachsenen wird von den Kindern beraten; ihre Meinung wird ernst genommen und fließt ein.
- Von Erwachsenen initiiert, gemeinsam entschieden: Erwachsene starten das Projekt, aber die Entscheidungen werden mit den Kindern zusammen getroffen.
- Von Kindern initiiert und geleitet: Die Kinder haben die Idee und führen das Projekt selbst; Erwachsene unterstützen bei Bedarf.
- Von Kindern initiiert, Entscheidungen mit Erwachsenen geteilt: Kinder starten das Projekt und beziehen Erwachsene als Partner ein – für Hart die reifste Form.
6. Schröder und weitere Modelle
Im deutschsprachigen Raum hat Richard Schröder (1995) ein einfaches, praxisnahes Stufenmodell geprägt, das sich gut für die schnelle Einordnung eignet. Es reicht von der Fremdbestimmung über Zwischenstufen bis zur Selbstverwaltung.
Fremdbestimmung Kinder haben keinen Einfluss | → | Teilhabe dabei sein, informiert | → | Mitwirkung Meinung zählt | → | Mitbestimmung gemeinsam entscheiden | → | Selbstverwaltung eigenständig entscheiden |
Ein weiteres wichtiges Modell stammt aus der Gesundheitsförderung: Michael T. Wright (2010) unterscheidet Vorstufen der Partizipation (Information, Anhörung, Einbeziehung), echte Partizipation (Mitbestimmung, teilweise und ganze Entscheidungsmacht) und schließlich die Selbstorganisation, die über Partizipation im engeren Sinn hinausgeht. Wrights Modell macht besonders klar, dass Information und Anhörung wichtig, aber noch keine Mitbestimmung sind (vgl. Wright 2010).
7. Modelle richtig verstehen – kein Wettlauf nach oben
Ein häufiges Missverständnis lautet: „Gute Beteiligung heißt immer die höchste Stufe.“ Das ist falsch. Nicht jede Frage eignet sich für volle Selbstbestimmung, und nicht jedes Alter ist für jede Stufe geeignet. Ziel ist nicht, immer ganz oben zu stehen, sondern die zur Situation passende Stufe bewusst und ehrlich zu wählen — und die unteren drei Stufen (Nicht-Partizipation) zu vermeiden.
Die einen sagen … Ja, wir sollten Kindern so viel Selbstbestimmung wie möglich zutrauen; zu oft bleiben wir aus Bequemlichkeit auf niedrigen Stufen stehen und unterschätzen, was Kinder leisten können. | Die anderen sagen … Nein, die passende Stufe hängt von Alter, Reife und Tragweite ab; volle Selbstbestimmung in einer überfordernden Frage wäre keine gute, sondern eine verantwortungslose Beteiligung. |
Die fachliche Brücke: Man kann die unteren drei Stufen (Nicht-Partizipation) als tabu betrachten und sich innerhalb der echten Beteiligungsstufen bewusst bewegen — mal höher, mal niedriger, je nach Frage. Wichtig ist, dass die gewählte Stufe transparent ist: Kinder sollten wissen, worauf sie Einfluss haben und worauf nicht.
8. Näher betrachtet: ein Fall
Ordnen wir die Wege ein: Weg 1 ist Dekoration — Nicht-Partizipation. Weg 2 ist Konsultation — echte, aber begrenzte Beteiligung (die Meinung zählt, die Entscheidung bleibt bei den Erwachsenen). Weg 3 ist gemeinsame Mitentscheidung — eine hohe Beteiligungsstufe. Alle drei „beteiligen“ die Kinder in irgendeiner Weise, aber nur Weg 2 und Weg 3 sind echte Beteiligung. Welcher Weg angemessen ist, hängt von Zeit, Budget und Ziel ab — aber Weg 1 sollte vermieden werden, wenn er als „Beteiligung“ verkauft wird.
9. Übung, Zusammenfassung und Quellen
Lösungshinweis anzeigen
- Beteiligung lässt sich als Stufenkontinuum von „kein Einfluss“ bis „Selbstbestimmung“ verstehen.
- Arnstein (1969) prägte die Ursprungsleiter; ihr Kern ist die Umverteilung von Macht.
- Harts Leiter (1992) unterscheidet drei Stufen der Nicht-Partizipation (Manipulation, Dekoration, Alibi) und fünf echte Beteiligungsstufen.
- Schröder (1995) und Wright (2010) bieten praxisnahe Varianten; Wright betont, dass Information/Anhörung noch keine Mitbestimmung sind.
- Ziel ist nicht die höchste Stufe um jeden Preis, sondern die zur Situation passende – und das Vermeiden der Nicht-Partizipation.
- Prüffragen: Verstehen die Kinder? Ist die Mitwirkung freiwillig? Hat der Beitrag Wirkung?
- Arnstein, S. R. (1969): A Ladder of Citizen Participation. In: Journal of the American Institute of Planners, 35(4).
- Hart, R. A. (1992/1997): Children’s Participation. From Tokenism to Citizenship. UNICEF / Earthscan.
- Schröder, R. (1995): Kinder reden mit. Beteiligung an Politik, Stadt- und Umweltplanung. Weinheim/Basel: Beltz.
- Wright, M. T. (Hrsg.) (2010): Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention. Bern: Huber.
- Stange, W. (o. J.): Was ist Partizipation? Bausteine einer Beteiligungsdidaktik. Deutsches Kinderhilfswerk (Beteiligungsbausteine).
- Knauer, R. & Sturzenhecker, B. (2016): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.