Modul 1 · ca. 65 Min.

Was ist herausforderndes Verhalten?

„Schwierige“ Kinder gibt es nicht — wohl aber Kinder in schwierigen Situationen, die ihr Verhalten für uns herausfordernd machen. Dieses Modul klärt den Begriff, vollzieht den entscheidenden Perspektivwechsel und legt damit die Grundlage für professionelles Handeln.

Lernziele – nach diesem Modul kannst du …
  • herausforderndes Verhalten fachlich beschreiben
  • den Perspektivwechsel „Verhalten als Ausdruck von Bedürfnissen“ vollziehen
  • herausforderndes Verhalten von Verhaltensstörung unterscheiden
  • die Rolle der eigenen Bewertung reflektieren
  • eine verstehensorientierte Grundhaltung entwickeln
In diesem Modul
  • 1. Ein alltäglicher Ausgangspunkt
  • 2. Was heißt „herausforderndes Verhalten“?
  • 3. Der entscheidende Perspektivwechsel
  • 4. Verhalten als Kommunikation
  • 5. Herausforderndes Verhalten vs. Verhaltensstörung
  • 6. Die Rolle der eigenen Bewertung
  • 7. Ein häufiger Irrtum
  • 8. Näher betrachtet: ein Fall
  • 9. Übung, Zusammenfassung und Quellen

1. Ein alltäglicher Ausgangspunkt

Ein Kind wirft mitten in der Gruppe einen Stuhl um, ein anderes zieht sich stumm zurück und reagiert auf nichts, ein drittes provoziert unablässig, bis alle entnervt sind. Solche Situationen gehören zum pädagogischen Alltag — und sie zehren an den Kräften. Die entscheidende Frage ist, wie wir sie verstehen: als „Störung“, die weg muss, oder als Verhalten, das uns etwas mitteilt. Von dieser Frage hängt alles Weitere ab.

Dieser Kurs plädiert für einen verstehensorientierten Zugang. Er nimmt herausforderndes Verhalten ernst, ohne es zu dramatisieren, und sucht nach dem, was dahintersteckt — nicht, um es zu entschuldigen, sondern um wirksam und würdevoll handeln zu können (vgl. Greene 2014; Myschker & Stein 2018).

Merke
Herausforderndes Verhalten ist selten grundlos. Es ist fast immer ein Ausdruck — von unerfüllten Bedürfnissen, Überforderung, Angst, fehlenden Fähigkeiten oder belastenden Erfahrungen. Wer den Ausdruck versteht, kann wirksamer handeln als wer nur das Verhalten bekämpft.

2. Was heißt „herausforderndes Verhalten“?

Der Begriff „herausforderndes Verhalten“ hat ältere, wertende Begriffe wie „Verhaltensauffälligkeit“ oder „Störung“ in weiten Teilen abgelöst — aus gutem Grund. Er verlagert den Blick: Nicht das Kind „ist“ gestört, sondern sein Verhalten fordert uns heraus. Damit wird deutlich, dass Verhalten immer in einer Beziehung und einem Kontext steht — und dass auch wir, die Fachkräfte und Rahmenbedingungen, Teil der Situation sind (vgl. Myschker & Stein 2018).

Warum diese Wortwahl?
Die Bezeichnung „herausfordernd“ sagt genau genommen mehr über uns als über das Kind: Herausgefordert sind wir. Das ist kein Wortspiel, sondern eine Haltung — sie erinnert daran, dass wir das Verhalten nicht allein dem Kind „gehören“ lassen, sondern die ganze Situation in den Blick nehmen.
Erscheinungsformen (Beispiele)
Externalisierend
nach außen: Aggression, Wut, Provokation, Regelverstöße.
Internalisierend
nach innen: Rückzug, Angst, Traurigkeit, Stille.
Beziehungsbezogen
Distanzlosigkeit, Klammern, Misstrauen, Testen.
Situativ
nur in bestimmten Kontexten, mit bestimmten Personen.

Wichtig: Auch stilles, nach innen gerichtetes Verhalten (Rückzug, Angst) ist herausfordernd — es fällt nur weniger auf und wird deshalb leicht übersehen. Gerade die „leisen“ Kinder brauchen oft besondere Aufmerksamkeit.

3. Der entscheidende Perspektivwechsel

Der wichtigste Schritt dieses Kurses ist ein Perspektivwechsel, den Ross Greene prägnant auf den Punkt gebracht hat: Kinder verhalten sich gut, wenn sie es können. Wenn ein Kind sich nicht „gut“ verhält, fehlen ihm in diesem Moment die Fähigkeiten dazu — etwa Frustration auszuhalten, flexibel zu reagieren oder Gefühle zu regulieren. Herausforderndes Verhalten ist dann kein Unwille, sondern ein Unvermögen: ein Zeichen überforderter Fähigkeiten (vgl. Greene 2014).

„Kinder verhalten sich gut, wenn sie es können – nicht, wenn sie wollen.“
— sinngemäß nach Greene (2014)

Dieser Satz verändert alles. Wer glaubt, ein Kind wolle nicht, sucht nach Druck und Strafe. Wer versteht, dass ein Kind nicht kann, sucht nach den fehlenden Fähigkeiten und hilft, sie aufzubauen. Der erste Weg führt in Machtkämpfe, der zweite in Entwicklung.

Sichtweise „Das Kind will nicht“
  • Verhalten = Absicht, Trotz, Böswilligkeit
  • Reaktion: Druck, Strafe, Konsequenzen
  • Folge: Machtkämpfe, Eskalation
Sichtweise „Das Kind kann (noch) nicht“
  • Verhalten = fehlende Fähigkeit, Überforderung
  • Reaktion: verstehen, Fähigkeiten aufbauen
  • Folge: Entwicklung, tragfähige Beziehung

4. Verhalten als Kommunikation

Eng verbunden mit dem Perspektivwechsel ist die Idee, dass Verhalten immer auch Kommunikation ist. Ein Kind, das noch nicht sagen kann, was es braucht oder was in ihm vorgeht, drückt es über sein Verhalten aus. Der Wutanfall sagt vielleicht: „Ich bin überfordert“; der Rückzug: „Ich habe Angst“; die Provokation: „Sieh mich, halte mich aus“. Die Aufgabe der Fachkraft ist, diese Botschaft zu entschlüsseln (vgl. Bundschuh 2019).

🧩 Zur Veranschaulichung
Verhalten ist wie die Spitze eines Eisbergs. Sichtbar über Wasser ist nur das Verhalten selbst — das Schreien, das Schlagen, das Schweigen. Der weitaus größere Teil liegt darunter: die Bedürfnisse, Gefühle und Erfahrungen, die das Verhalten antreiben. Wer nur an der Spitze „abmeißelt“, verändert nichts am Berg darunter.
Merke
Die pädagogische Kernfrage lautet nicht „Wie stelle ich das Verhalten ab?“, sondern „Was will mir dieses Verhalten sagen?“ Erst diese Frage öffnet den Weg zu wirksamem Handeln.

5. Herausforderndes Verhalten vs. Verhaltensstörung

Nicht jedes herausfordernde Verhalten ist eine „Verhaltensstörung“. Der Begriff Verhaltensstörung stammt aus einem klinisch-diagnostischen Kontext und bezeichnet länger andauernde, deutlich von der Norm abweichende und das Kind oder sein Umfeld erheblich beeinträchtigende Muster. Die meisten herausfordernden Verhaltensweisen im pädagogischen Alltag sind jedoch keine Störungen im klinischen Sinn, sondern situative, entwicklungs- oder belastungsbedingte Reaktionen (vgl. Myschker & Stein 2018).

Wichtig zu unterscheiden
Die Feststellung einer Verhaltensstörung im klinischen Sinne ist Aufgabe von Fachdiagnostik (Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie), nicht der pädagogischen Fachkraft. Deren Aufgabe ist es, wahrzunehmen, zu verstehen, zu begleiten — und bei Bedarf Fachdienste einzubeziehen.

6. Die Rolle der eigenen Bewertung

Ob ein Verhalten als „herausfordernd“ erlebt wird, hängt auch von uns ab — von unseren Erwartungen, unserer Tagesform, unseren eigenen Mustern. Dasselbe Verhalten kann die eine Fachkraft kaltlassen und die andere auf die Palme bringen. Diese subjektive Komponente ernst zu nehmen ist wichtig, denn sie beeinflusst, wie wir reagieren. Selbstreflexion ist daher kein Beiwerk, sondern Teil der Professionalität (vgl. Bundschuh 2019).

❓ Kurz nachgedacht
Warum ist die eigene Bewertung eines Verhaltens fachlich bedeutsam?
Antwort anzeigen
Weil sie mitbestimmt, wie wir reagieren. Wenn ich ein Verhalten als persönlichen Angriff werte, reagiere ich anders, als wenn ich es als Ausdruck von Überforderung verstehe. Die eigenen Muster und Reaktionen zu kennen, hilft, nicht impulsiv, sondern professionell zu handeln.

7. Ein häufiger Irrtum

✗ Häufiger Irrtum
„Wenn ich herausforderndes Verhalten nicht sofort und hart sanktioniere, setzt sich das Kind durch und es wird schlimmer.“
Tatsächlich: Reine Sanktion bekämpft die Spitze des Eisbergs, nicht seine Ursache — und führt oft zu Eskalation und Beziehungsabbruch. Wirksamer ist, das Verhalten zu verstehen, dem Kind fehlende Fähigkeiten aufzubauen und klare Grenzen innerhalb einer tragfähigen Beziehung zu setzen. Verstehen heißt nicht Gewährenlassen (vgl. Greene 2014; Omer & von Schlippe 2016).
🧠 Zum Nachdenken
Welches herausfordernde Verhalten bringt Sie persönlich am schnellsten „auf die Palme“? Was könnte das über Ihre eigenen Muster verraten?

8. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Der Junge, der immer stört
Der neunjährige „Tim“ (Name frei erfunden) stört im Hort ständig: ruft dazwischen, provoziert, wirft mit Dingen. Die naheliegende Deutung lautet: „Er will Aufmerksamkeit und Macht.“ Eine Fachkraft schaut genauer hin und bemerkt: Tims Verhalten eskaliert immer dann, wenn Aufgaben unstrukturiert sind und er nicht weiß, was von ihm erwartet wird. Er kann Unsicherheit schlecht aushalten — und überspielt sie mit Stören. Als die Fachkraft für klare Struktur und kleine, machbare Schritte sorgt, lässt das Stören deutlich nach.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

Der Fall zeigt den Unterschied zwischen „will nicht“ und „kann nicht“. Tim will nicht stören, um zu ärgern — er kann Unsicherheit nicht gut regulieren. Die Lösung liegt nicht in härterer Sanktion, sondern im Verstehen des Auslösers und im Aufbau von Struktur und Fähigkeiten. Genau darum geht es in den folgenden Modulen.

9. Übung, Zusammenfassung und Quellen

✎ Umdeuten üben
Formulieren Sie für die folgenden Sätze eine verstehensorientierte Alternative (von „will nicht“ zu „kann nicht / drückt aus“): (a) „Die will mich nur provozieren.“ (b) „Der ist einfach faul.“ (c) „Das Kind ist aggressiv.“
Lösungshinweis anzeigen
Mögliche Umdeutungen: (a) „Sie zeigt mir mit ihrem Verhalten, dass sie gerade überfordert ist oder etwas braucht.“ (b) „Ihm fehlen vielleicht Struktur, Zutrauen oder die Fähigkeit anzufangen.“ (c) „Das Kind drückt mit Aggression etwas aus, das es (noch) nicht anders sagen kann.“ Solche Umdeutungen öffnen den Blick für wirksames Handeln.
Das Wichtigste in Kürze
  • Herausforderndes Verhalten ist selten grundlos – es ist Ausdruck von Bedürfnissen, Überforderung oder fehlenden Fähigkeiten.
  • Der Begriff verlagert den Blick: nicht das Kind ist „gestört“, sein Verhalten fordert uns heraus.
  • Perspektivwechsel: Kinder verhalten sich gut, wenn sie es können (Greene) – „kann nicht“ statt „will nicht“.
  • Verhalten ist Kommunikation – die Kernfrage lautet: Was will mir dieses Verhalten sagen?
  • Nicht jedes herausfordernde Verhalten ist eine (klinische) Verhaltensstörung.
  • Die eigene Bewertung beeinflusst die Reaktion – Selbstreflexion gehört zur Professionalität.

Quellen & weiterführende Literatur
  • Greene, R. W. (2014): Das explosive Kind. Wie man mit „leicht reizbaren“, chronisch unflexiblen Kindern umgeht. München: dtv (engl.: The Explosive Child).
  • Myschker, N. & Stein, R. (2018): Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen – Ursachen – Hilfreiche Maßnahmen (8. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  • Bundschuh, K. (2019): Emotion, Motivation und Verhaltensstörungen. Stuttgart: Kohlhammer.
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Zuletzt geändert: Sonntag, 18. Oktober 2026, 20:55