Fachwissen · Pflege & Betreuung

Dekubitusprophylaxe: Maßnahmen, Fingerdrucktest & Expertenstandard

Wie Sie Druckschäden der Haut vorbeugen, erste Anzeichen erkennen und im Pflegealltag richtig reagieren.

Dekubitusprophylaxe umfasst alle pflegerischen Maßnahmen, die verhindern sollen, dass durch Druck – allein oder zusammen mit Scherkräften – ein Dekubitus entsteht, also eine örtlich begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterliegenden Gewebes, meist über Knochenvorsprüngen (Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege [DNQP], 2017). Zentrale Bausteine der Prophylaxe sind die Einschätzung des Risikos, Bewegungsförderung, Druckentlastung, regelmäßige Hautbeobachtung und die Beratung der Betroffenen.

Fachliche Grundlage für die Dekubitusprophylaxe in der Pflege ist der gleichnamige Expertenstandard des DNQP. Dieser Beitrag zeigt kompakt, wo ein Dekubitus entsteht, wie er eingeteilt wird, wie der Fingerdrucktest funktioniert und welche Maßnahmen im Alltag zählen.

Auf einen Blick
  • Ein Dekubitus entsteht durch Druck, häufig zusammen mit Scherkräften – meist über Knochenvorsprüngen.
  • Besonders gefährdet sind Stellen über Knochen wie Steißbein und Fersen.
  • Eine nicht wegdrückbare Rötung bei intakter Haut entspricht dem ersten Stadium (Kategorie 1).
  • Der Fingerdrucktest liefert einen Anhaltspunkt; die Einschätzung treffen Pflegefachpersonen oder Ärzt:innen.
  • Wirksam sind Bewegung, Positionswechsel, geeignete Hilfsmittel und regelmäßige Hautkontrolle.

Was ist ein Dekubitus – und wo entsteht er?

Umgangssprachlich spricht man von einem Druckgeschwür. Es ist eine offene Wunde, die durch anhaltenden äußeren Druck auf die Haut entsteht, etwa durch dauerhaftes Liegen oder Sitzen in derselben Haltung. Die Haut wird dann nicht mehr ausreichend durchblutet und versorgt (Bundesministerium für Gesundheit [BMG], o. J.). Wie aus einer Rötung bei intakter Haut ein tiefer Gewebeschaden werden kann, zeigt die Stadieneinteilung weiter unten (BfArM, 2026).

Gefährdete Körperstellen

Gefährdet ist vor allem Haut, die direkt über Knochen liegt – typisch sind Steißbein, Fersen, Hüften, Ellenbogen, Schulterblätter und Hinterkopf (BMG, o. J.). Die ICD-10-GM unterscheidet außerdem Lokalisationen wie Kopf, Dornfortsätze, Beckenkamm, Sitzbein und Trochanter (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte [BfArM], 2026). Das Risiko steigt, wenn Betroffene Druck nicht spüren, etwa bei Lähmungen, und durch Reibung, Scherkräfte und Feuchtigkeit (BMG, o. J.).

Dekubitus-Stadien: die Einteilung der ICD-10-GM

In Deutschland wird ein Dekubitus über den Code L89 der ICD-10-GM verschlüsselt (BfArM, 2026). Dort heißt es „Stadium“ bzw. „Kategorie“. Die Übersicht ist vereinfacht; die Einstufung gehört in die Hände von Fachpersonen.

CodeStadium (Kategorie)Kennzeichen (vereinfacht)
L89.0-1Rötung, die sich nicht wegdrücken lässt; die Haut ist intakt
L89.1-2Blase oder teilweiser Hautverlust (Oberhaut und/oder Lederhaut)
L89.2-3Verlust aller Hautschichten, Schädigung des Unterhautgewebes
L89.3-4Absterben von Muskeln, Knochen oder stützenden Strukturen
L89.9-nicht näher bezeichnetEin Stadium ist nicht angegeben

Für die Praxis ist das erste Stadium besonders wichtig: Wer eine nicht wegdrückbare Rötung früh bemerkt, kann rechtzeitig gegensteuern.

Fingerdrucktest: Rötungen richtig einschätzen

Ob sich eine Rötung wegdrücken lässt, prüfen Sie mit dem Fingerdrucktest. Eine „nicht wegdrückbare Rötung bei intakter Haut“ kennzeichnet nach der ICD-10-GM das erste Stadium (BfArM, 2026). Der Fingerdrucktest ersetzt keine fachliche Beurteilung. So gehen Sie vor:

Hinsehen
Gefährdete Stellen bei guter Beleuchtung auf Rötungen beobachten.
Drücken
Mit dem Finger leicht auf die gerötete Stelle drücken.
Beobachten
Loslassen: Wird die Stelle heller, oder bleibt die Farbe bestehen?
Handeln
Bleibt sie: Stelle nicht weiter belasten, Pflegefachperson informieren, Beobachtung festhalten.

Eine Blase oder ein Hautteilverlust gehört bereits zum zweiten Stadium (BfArM, 2026). Auffällige Hautstellen sollten Ärzt:innen oder Pflegefachkräften gezeigt werden (BMG, o. J.). Beachten Sie dabei das Verfahren Ihrer Einrichtung.

Dekubitusprophylaxe Maßnahmen im Pflegealltag

Der Expertenstandard des DNQP in der Fassung der 2. Aktualisierung von 2017 versteht Prophylaxe als individuellen Prozess. Pflegefachpersonen schätzen das Risiko zu Beginn der Pflege ein, wiederholen das in individuell festgelegten Abständen und sofort bei Veränderungen, etwa der Beweglichkeit (DNQP, 2017). Daraus ergeben sich diese Maßnahmen:

  • Bewegung fördern: Eigenbewegung wird so weit wie möglich unterstützt (DNQP, 2017); gefährdete Körperstellen werden regelmäßig durch Verlagern und Umdrehen entlastet (BMG, o. J.).
  • Positionswechsel planen: Reicht die Eigenbewegung nicht aus, braucht es eine individuelle Bewegungsplanung. Feste Zeitabstände für alle nennt der Standard nicht (DNQP, 2017). Ein Bewegungsplan hilft, Wechsel festzuhalten.
  • Gut lagern: Fehlt die Eigenbewegung, verlangt der Standard eine sofortige Druckentlastung, indem gefährdete Körperstellen frei gelagert werden (DNQP, 2017). Beim Umlagern sollte die Person nicht über die Unterlage gezogen werden, damit keine Reibe- und Scherkräfte entstehen (BMG, o. J.).
  • Hilfsmittel passend wählen: Druckentlastende Sitz- oder Liegeflächen wie spezielle Matratzen oder Sitzkissen können zusätzlich schützen (BMG, o. J.). Der Standard fordert, dass dem Risiko entsprechende Wechseldruck- und Weichlagerungssysteme ohne Verzögerung zur Verfügung stehen (DNQP, 2017).
  • Haut kontrollieren: Gefährdete Stellen regelmäßig auf erste Anzeichen einer Druckstelle prüfen; ein Spiegel kann dabei helfen, und bei stark eingeschränkter Beweglichkeit braucht es Unterstützung bei der Beobachtung (BMG, o. J.). Pflegefachpersonen begutachten den Hautzustand gefährdeter Personen in individuell festgelegten Abständen (DNQP, 2017).
  • Ernährung im Blick behalten: Flüssigkeitsmangel kann die Haut ebenso schwächen wie Fehl- oder Unterernährung; auf ausreichendes Trinken und ausgewogene Ernährung ist zu achten (BMG, o. J.).
  • Informieren und beraten: Betroffene und Angehörige werden einbezogen und über Risiko und dauerhafte Fortführung der Maßnahmen informiert (DNQP, 2017).
  • Wirkung überprüfen: Einrichtungen sollen beurteilen, ob die Prophylaxe wirkt (DNQP, 2017).

Hinweis zur Aktualität: Stand Oktober 2026 wird beim DNQP die 2. Aktualisierung von 2017 als Fassung des Expertenstandards angeboten (DNQP, o. J.). Prüfen Sie vor der praktischen Anwendung auf der Seite des DNQP, ob eine neuere Fassung erschienen ist.

Praxisbeispiel: Ein älterer Bewohner liegt nach einem Infekt deutlich mehr im Bett als sonst. Beim Waschen fällt der Pflegehelferin eine Rötung an der rechten Ferse auf. Sie drückt leicht mit dem Finger darauf – die Farbe bleibt. Sie entlastet die Ferse, informiert die zuständige Pflegefachperson und hält ihre Beobachtung fest. Die Pflegefachperson schätzt die Stelle ein, passt die Bewegungsplanung an, lagert die Fersen frei und bespricht mit dem Bewohner und seiner Tochter, wie kleine Bewegungen im Bett helfen können. In den folgenden Tagen wird die Haut gezielt beobachtet. (Fiktives Beispiel)

Häufige Fragen

Wer ist für die Risikoeinschätzung zuständig?

Nach dem Expertenstandard schätzen Pflegefachpersonen das Dekubitusrisiko ein: zuerst in einem Screening, bei Bedarf mit einer differenzierten Beurteilung. Alle anderen Mitarbeitenden tragen mit ihren Beobachtungen wesentlich dazu bei.

Wie oft sollte die Position gewechselt werden?

Eine feste Zeitangabe für alle gibt der Expertenstandard nicht vor. Die Abstände werden individuell geplant und angepasst, wenn sich die Beweglichkeit verändert.

Was tun, wenn die Rötung beim Fingerdrucktest bestehen bleibt?

Dann kann ein Dekubitus vorliegen. Belasten Sie die Stelle nicht weiter, informieren Sie die Pflegefachperson und halten Sie Ihre Beobachtung fest. Die Beurteilung übernehmen Fachpersonen.

Können Angehörige bei der Dekubitusprophylaxe mithelfen?

Ja. Der Expertenstandard bezieht Betroffene und Angehörige ausdrücklich ein. Wenn sie wissen, worauf es ankommt, können sie Bewegung anregen und Hautveränderungen früh ansprechen.

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Quellen

Bundesministerium für Gesundheit. (o. J.). Druckgeschwür (Dekubitus). gesund.bund.de. https://gesund.bund.de/druckgeschwuer-dekubitus

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. (2026). ICD-10-GM Version 2026: L89 Dekubitalgeschwür und Druckzone. https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2026/block-l80-l99.htm

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. (2017). Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege (2. Aktualisierung; Auszug). https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Dekubitusprophylaxe/Dekubitus_2Akt_Auszug.pdf

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. (o. J.). Aktuell verfügbare Expertenstandards des DNQP. https://www.dnqp-shop.de/Expertenstandards/

Stand: Oktober 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall und keine individuelle pflegefachliche Einschätzung.

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Fatih Açık – staatlich anerkannter Arbeitserzieher, seit 28 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe tätig, Gründer von GermanSocialLab.

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Zuletzt geändert: Freitag, 9. Oktober 2026, 23:48