Modul 3 · ca. 70 Min.

Stufen und Modelle der Partizipation

Beteiligung ist kein Alles-oder-Nichts. Zwischen „gar nicht“ und „selbst entscheiden“ liegen viele Abstufungen. Dieses Modul stellt die klassischen Stufenmodelle vor — von Arnsteins Leiter über Harts Kinder-Beteiligungsleiter bis zu Schröder und Wright — und macht sie für die Einordnung der eigenen Praxis nutzbar.

Lernziele – nach diesem Modul können Sie …
  • Beteiligung als Stufenkontinuum verstehen
  • Arnsteins „Ladder of Citizen Participation“ einordnen
  • Harts Beteiligungsleiter für Kinder erklären
  • Nicht-Partizipation von echter Beteiligung unterscheiden
  • die eigene Praxis mithilfe der Modelle einschätzen
In diesem Modul
  • 1. Beteiligung als Kontinuum
  • 2. Arnstein (1969): die Ursprungsleiter
  • 3. Hart (1992): die Beteiligungsleiter für Kinder
  • 4. Die drei Stufen der Nicht-Partizipation
  • 5. Die echten Beteiligungsstufen
  • 6. Schröder und weitere Modelle
  • 7. Modelle richtig verstehen – kein Wettlauf nach oben
  • 8. Näher betrachtet: ein Fall
  • 9. Übung, Zusammenfassung und Quellen

1. Beteiligung als Kontinuum

Schon in Modul 1 wurde deutlich: Zwischen dem bloßen Anhören und dem eigenständigen Entscheiden liegt ein weites Feld. Stufenmodelle machen dieses Feld sichtbar. Sie ordnen Formen der Beteiligung danach, wie viel Einfluss die Beteiligten tatsächlich haben — von der reinen Täuschung bis zur vollen Selbstbestimmung. Damit sind sie ein wertvolles Werkzeug, um die eigene Praxis ehrlich einzuschätzen.

Merke
Ein Stufenmodell ist kein Bewertungsmaßstab im Sinne von „je höher, desto besser“. Es ist ein Analysewerkzeug, mit dem sich fragen lässt: Auf welcher Stufe bewegt sich dieses Angebot – und ist diese Stufe der Situation angemessen?

2. Arnstein (1969): die Ursprungsleiter

Den Ursprung fast aller späteren Modelle bildet die „Ladder of Citizen Participation“ von Sherry Arnstein (1969). Sie stammt aus der Stadtplanung und beschreibt, wie viel Macht Bürgerinnen und Bürger bei öffentlichen Entscheidungen wirklich haben. Arnstein unterscheidet acht Sprossen, die sie zu drei Bereichen zusammenfasst (vgl. Arnstein 1969).

BereichSprossenKern
NichtbeteiligungManipulation, TherapieMacht wird vorgetäuscht; Ziel ist, die Betroffenen „umzustimmen“
Alibi (tokenism)Information, Konsultation, BesänftigungBetroffene dürfen sich äußern, entscheiden aber nicht mit
BürgermachtPartnerschaft, delegierte Macht, BürgerkontrolleEchte Mitentscheidung bis hin zur eigenständigen Kontrolle

Arnsteins zentrale Einsicht: Der Unterschied zwischen einem „leeren Ritual“ der Beteiligung und echter Beteiligung liegt in der Macht — also darin, ob die Äußerungen der Betroffenen tatsächlich das Ergebnis beeinflussen. Genau dieser Gedanke prägt bis heute die Diskussion um Kinder- und Jugendbeteiligung.

„Beteiligung ohne Umverteilung von Macht ist ein leerer und frustrierender Prozess für die Machtlosen.“
— sinngemäß nach Arnstein (1969)

3. Hart (1992): die Beteiligungsleiter für Kinder

Roger Hart hat Arnsteins Idee 1992 für die Beteiligung von Kindern weiterentwickelt. Seine „Ladder of Children’s Participation“ ist bis heute das wohl bekannteste Modell im Feld. Auch sie umfasst acht Stufen: Die unteren drei sind keine echte Beteiligung, die oberen fünf schon (vgl. Hart 1992).

Harts Leiter – von unten nach oben (Auswahl)
Alibi
→
Zugewiesen & informiert
→
Mitwirkung
→
Mitentscheidung
→
Selbst initiiert
↻ und wieder von vorn — als fortlaufender Kreislauf
Zur Grafik
Der obige Ablauf ist eine vereinfachte Darstellung der Richtung „von wenig zu viel Einfluss“ — keine exakte Wiedergabe aller acht Sprossen. Die vollständige Stufenfolge wird in den nächsten beiden Abschnitten erläutert.

4. Die drei Stufen der Nicht-Partizipation

Harts wichtigste Warnung betrifft die unteren drei Stufen. Sie sehen oft nach Beteiligung aus, sind aber keine — und werden gerade deshalb so häufig mit echter Beteiligung verwechselt.

StufeWas passiertBeispiel
ManipulationKinder werden für Zwecke Erwachsener eingespannt, ohne sie zu verstehenKinder halten Schilder bei einer Demo, deren Anliegen ihnen nicht erklärt wurde
DekorationKinder schmücken ein Vorhaben, ohne Einfluss daraufKinder singen bei einer Eröffnung, ohne in die Sache einbezogen zu sein
Alibi (tokenism)Kinder dürfen scheinbar mitreden, haben aber keinen realen EinflussEin Kind sitzt im Podium, darf aber nur kurz und folgenlos etwas sagen
✗ Häufiger Irrtum
„Wenn Kinder sichtbar dabei sind, ist das doch schon Beteiligung.“
Tatsächlich: Sichtbarkeit ist nicht Beteiligung. Manipulation, Dekoration und Alibi machen Kinder sichtbar, geben ihnen aber keinen Einfluss. Entscheidend ist nicht, ob Kinder auftreten, sondern ob sie mitentscheiden und verstehen, worum es geht (vgl. Hart 1992).

5. Die echten Beteiligungsstufen

Erst ab der vierten Stufe beginnt bei Hart echte Beteiligung. Ihr gemeinsames Merkmal: Die Kinder verstehen, worum es geht, ihre Mitwirkung ist freiwillig, und ihre Beiträge haben Wirkung.

  1. Zugewiesen, aber informiert: Erwachsene geben die Aufgabe vor, aber die Kinder verstehen sie, wissen, warum sie beteiligt sind, und machen freiwillig mit.
  2. Konsultiert und informiert: Ein Vorhaben der Erwachsenen wird von den Kindern beraten; ihre Meinung wird ernst genommen und fließt ein.
  3. Von Erwachsenen initiiert, gemeinsam entschieden: Erwachsene starten das Projekt, aber die Entscheidungen werden mit den Kindern zusammen getroffen.
  4. Von Kindern initiiert und geleitet: Die Kinder haben die Idee und führen das Projekt selbst; Erwachsene unterstützen bei Bedarf.
  5. Von Kindern initiiert, Entscheidungen mit Erwachsenen geteilt: Kinder starten das Projekt und beziehen Erwachsene als Partner ein – für Hart die reifste Form.
Merke
Die höchste Stufe ist nicht die, auf der Erwachsene verschwinden, sondern die, auf der Kinder und Erwachsene als Partner zusammenarbeiten. Beteiligung heißt Zusammenspiel, nicht Rückzug der Erwachsenen (vgl. Hart 1992).

6. Schröder und weitere Modelle

Im deutschsprachigen Raum hat Richard Schröder (1995) ein einfaches, praxisnahes Stufenmodell geprägt, das sich gut für die schnelle Einordnung eignet. Es reicht von der Fremdbestimmung über Zwischenstufen bis zur Selbstverwaltung.

Stufen nach Schröder (vereinfacht)
Fremd­bestimmung
Kinder haben keinen Einfluss
→
Teilhabe
dabei sein, informiert
→
Mitwirkung
Meinung zählt
→
Mit­bestimmung
gemeinsam entscheiden
→
Selbst­verwaltung
eigenständig entscheiden

Ein weiteres wichtiges Modell stammt aus der Gesundheitsförderung: Michael T. Wright (2010) unterscheidet Vorstufen der Partizipation (Information, Anhörung, Einbeziehung), echte Partizipation (Mitbestimmung, teilweise und ganze Entscheidungsmacht) und schließlich die Selbstorganisation, die über Partizipation im engeren Sinn hinausgeht. Wrights Modell macht besonders klar, dass Information und Anhörung wichtig, aber noch keine Mitbestimmung sind (vgl. Wright 2010).

Vorstufen (noch keine Mitbestimmung)
  • Information: Betroffene werden informiert
  • Anhörung: Betroffene dürfen sich äußern
  • Einbeziehung: Meinung wird eingeholt
Echte Partizipation
  • Mitbestimmung: gemeinsam entscheiden
  • (teilweise) Entscheidungsmacht
  • Selbstorganisation: eigenständig

7. Modelle richtig verstehen – kein Wettlauf nach oben

Ein häufiges Missverständnis lautet: „Gute Beteiligung heißt immer die höchste Stufe.“ Das ist falsch. Nicht jede Frage eignet sich für volle Selbstbestimmung, und nicht jedes Alter ist für jede Stufe geeignet. Ziel ist nicht, immer ganz oben zu stehen, sondern die zur Situation passende Stufe bewusst und ehrlich zu wählen — und die unteren drei Stufen (Nicht-Partizipation) zu vermeiden.

⚖ Kontrovers diskutiert
Ist die oberste Stufe immer das Ziel?
Die einen sagen …
Ja, wir sollten Kindern so viel Selbstbestimmung wie möglich zutrauen; zu oft bleiben wir aus Bequemlichkeit auf niedrigen Stufen stehen und unterschätzen, was Kinder leisten können.
Die anderen sagen …
Nein, die passende Stufe hängt von Alter, Reife und Tragweite ab; volle Selbstbestimmung in einer überfordernden Frage wäre keine gute, sondern eine verantwortungslose Beteiligung.

Die fachliche Brücke: Man kann die unteren drei Stufen (Nicht-Partizipation) als tabu betrachten und sich innerhalb der echten Beteiligungsstufen bewusst bewegen — mal höher, mal niedriger, je nach Frage. Wichtig ist, dass die gewählte Stufe transparent ist: Kinder sollten wissen, worauf sie Einfluss haben und worauf nicht.

🧠 Merkhilfe — so bleibt es hängen
Drei Fragen für jede Beteiligungssituation: Verstehen die Kinder, worum es geht? Ist ihre Mitwirkung freiwillig? Hat ihr Beitrag Wirkung? Nur wenn alle drei mit Ja beantwortet werden, ist es echte Beteiligung — unabhängig von der Stufe.

8. Näher betrachtet: ein Fall

📎 Fallbeispiel — Das Schulhof-Projekt
Eine Schulsozialarbeiterin möchte den tristen Schulhof umgestalten. Drei Wege sind denkbar. Weg 1: Sie lässt die Kinder bunte Bilder malen, die zur Eröffnung aufgehängt werden – entschieden wird alles von der Schulleitung. Weg 2: Sie fragt die Kinder in einer Umfrage nach Wünschen und berücksichtigt diese bei der Planung. Weg 3: Sie bildet ein Schulhof-Team aus Kindern, das mit einem offengelegten Budget gemeinsam mit Erwachsenen plant, auswählt und die Umsetzung begleitet.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung — Namen und Situation sind frei erfunden.

Ordnen wir die Wege ein: Weg 1 ist Dekoration — Nicht-Partizipation. Weg 2 ist Konsultation — echte, aber begrenzte Beteiligung (die Meinung zählt, die Entscheidung bleibt bei den Erwachsenen). Weg 3 ist gemeinsame Mitentscheidung — eine hohe Beteiligungsstufe. Alle drei „beteiligen“ die Kinder in irgendeiner Weise, aber nur Weg 2 und Weg 3 sind echte Beteiligung. Welcher Weg angemessen ist, hängt von Zeit, Budget und Ziel ab — aber Weg 1 sollte vermieden werden, wenn er als „Beteiligung“ verkauft wird.

🧠 Zum Nachdenken
Nehmen Sie ein aktuelles Vorhaben aus Ihrer Praxis. Auf welcher Stufe bewegt es sich – und wäre eine höhere Stufe mit vertretbarem Aufwand möglich?

9. Übung, Zusammenfassung und Quellen

✎ Stufen erkennen
Ordnen Sie jede Situation der richtigen Kategorie zu (Nicht-Partizipation / Vorstufe / echte Beteiligung): (a) Kinder werden über eine bereits getroffene Entscheidung informiert. (b) Kinder tragen bei einem Fest Kostüme, ohne in die Planung einbezogen zu sein. (c) Ein Kinderrat verhandelt verbindlich mit der Leitung über die Hausregeln. (d) Die Meinung der Kinder wird per Umfrage eingeholt und fließt in die Entscheidung der Erwachsenen ein.
Lösungshinweis anzeigen
(a) Vorstufe (Information) – noch keine Mitbestimmung. (b) Nicht-Partizipation (Dekoration). (c) Echte Beteiligung (Mitbestimmung). (d) Echte, aber begrenzte Beteiligung (Konsultation/Einbeziehung): Die Meinung zählt, die Entscheidung bleibt bei den Erwachsenen — deutlich mehr als reine Information.
Das Wichtigste in Kürze
  • Beteiligung lässt sich als Stufenkontinuum von „kein Einfluss“ bis „Selbstbestimmung“ verstehen.
  • Arnstein (1969) prägte die Ursprungsleiter; ihr Kern ist die Umverteilung von Macht.
  • Harts Leiter (1992) unterscheidet drei Stufen der Nicht-Partizipation (Manipulation, Dekoration, Alibi) und fünf echte Beteiligungsstufen.
  • Schröder (1995) und Wright (2010) bieten praxisnahe Varianten; Wright betont, dass Information/Anhörung noch keine Mitbestimmung sind.
  • Ziel ist nicht die höchste Stufe um jeden Preis, sondern die zur Situation passende – und das Vermeiden der Nicht-Partizipation.
  • Prüffragen: Verstehen die Kinder? Ist die Mitwirkung freiwillig? Hat der Beitrag Wirkung?

Quellen & weiterführende Literatur
  • Arnstein, S. R. (1969): A Ladder of Citizen Participation. In: Journal of the American Institute of Planners, 35(4).
  • Hart, R. A. (1992/1997): Children’s Participation. From Tokenism to Citizenship. UNICEF / Earthscan.
  • Schröder, R. (1995): Kinder reden mit. Beteiligung an Politik, Stadt- und Umweltplanung. Weinheim/Basel: Beltz.
  • Wright, M. T. (Hrsg.) (2010): Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention. Bern: Huber.
  • Stange, W. (o. J.): Was ist Partizipation? Bausteine einer Beteiligungsdidaktik. Deutsches Kinderhilfswerk (Beteiligungsbausteine).
  • Knauer, R. & Sturzenhecker, B. (2016): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
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Zuletzt geändert: Sonntag, 18. Oktober 2026, 20:55