Fachwissen · Spezielle Pflegesituationen

Delirmanagement in der Pflege: Delir erkennen, einschätzen und vorbeugen

Wie Pflegefachkräfte ein akutes Delir früh bemerken, strukturiert einschätzen und mit einfachen Mitteln das Risiko senken.

Delirmanagement in der Pflege bedeutet, gefährdete Menschen früh zu identifizieren, auffällige Veränderungen systematisch einzuschätzen und das Risiko für ein Delir durch nichtmedikamentöse Maßnahmen im Alltag zu verringern. Ein gutes Delirmanagement in der Pflege verbindet dabei aufmerksame Beobachtung, ein kurzes Screening mit einem erprobten Instrument und eine rasche Rückmeldung an das ärztliche Team.

Das Thema betrifft nahezu alle Versorgungsbereiche: die chirurgische Station nach einer Operation, die Intensivstation, die Geriatrie, aber ebenso das Pflegeheim und die ambulante Versorgung. Seit Januar 2026 gibt es mit der S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ einen aktuellen fachlichen Rahmen, der ausdrücklich alle Sektoren einbezieht (DGG & DGGPP, 2026). Dieser Beitrag gibt einen kompakten Überblick für die Praxis.

Auf einen Blick
  • Ein Delir ist eine akute Störung von Bewusstsein und Aufmerksamkeit mit schwankendem Verlauf – in der ICD-10-GM unter F05 erfasst.
  • Die stille, hypoaktive Form wird besonders leicht übersehen.
  • Kurze Screening-Instrumente wie 4AT oder CAM helfen bei der Einschätzung; die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt.
  • Delirprävention setzt vor allem auf nichtmedikamentöse Maßnahmen: Orientierung, Mobilisation, Schlaf, Sehen und Hören, Flüssigkeit.
  • Freiheitsentziehende Maßnahmen sollen vermieden werden und sind rechtlich an § 1831 BGB gebunden.

Was ist ein Delir – und warum ist es so tückisch?

Die ICD-10-GM beschreibt das Delir als hirnorganisches Syndrom, bei dem eine Bewusstseinsstörung zusammen mit mindestens zwei weiteren Beeinträchtigungen auftritt – etwa bei Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis, Psychomotorik, Gefühlslage oder im Schlaf-Wach-Rhythmus (BfArM, o. J.). Ursache und Ausprägung sind sehr unterschiedlich. Die Klassifikation unterscheidet unter anderem zwischen einem Delir ohne Demenz (F05.0) und einem Delir bei Demenz (F05.1); das alkoholbedingte Entzugsgeschehen gehört nicht in diese Gruppe.

Typisch ist die Dynamik: Die Veränderungen entstehen innerhalb kurzer Zeit und schwanken im Tagesverlauf. Neben der lauten, unruhigen Form gibt es die hypoaktive Variante, bei der Betroffene still, schläfrig und zurückgezogen wirken. Gerade diese ruhigen Patient:innen fallen im Stationsalltag kaum auf – ein Umstand, auf den auch die britische NICE-Leitlinie ausdrücklich hinweist (NICE, 2023).

Delir und Demenz auseinanderhalten

Ein Delir kann bei bestehender Demenz zusätzlich auftreten. Der entscheidende Hinweis ist dann die akute Verschlechterung gegenüber dem gewohnten Zustand. Angehörige und Bezugspflegende, die die Person gut kennen, sind deshalb eine wichtige Informationsquelle.

Risikofaktoren und Warnzeichen im Delirmanagement

Besonders gefährdet sind laut NICE Menschen ab 65 Jahren, Personen mit aktueller oder früherer kognitiver Beeinträchtigung bzw. Demenz, Patient:innen mit frischer Hüftfraktur und schwer Erkrankte (NICE, 2023). Beim Delir im Krankenhaus – etwa als postoperatives Delir – kommen häufig mehrere dieser Faktoren zusammen. Warnzeichen sind neu aufgetretene Veränderungen in vier Bereichen:

  • Kognition: Die Person kann sich schlechter konzentrieren, antwortet verzögert oder wirkt verwirrt.
  • Wahrnehmung: Es treten zum Beispiel Halluzinationen auf.
  • Körperliche Funktion: Sie bewegt sich weniger, ist unruhig oder agitiert.
  • Sozialverhalten: Sie zieht sich zurück oder reagiert anders als sonst auf Kontakt.

Delirscreening: 4AT, CAM und CAM-ICU im Vergleich

Die S3-Leitlinie rät zu einem Screening zum Beispiel bereits in der Notaufnahme sowie bei Personen mit Demenz oder anderen kognitiven Einschränkungen, beispielsweise mit dem 4AT oder dem CAM-Algorithmus (DGG & DGGPP, 2026). Ein auffälliges Ergebnis ist ein Signal zum Handeln, aber keine Diagnose.

InstrumentWas geprüft wirdEinordnung
4ATWachheit, Orientierung (AMT4), Aufmerksamkeit (Monate rückwärts), akute Veränderung oder schwankender Verlauf; 0–12 PunkteAb 4 Punkten mögliches Delir, 1–3 Punkte Hinweis auf kognitive Einschränkung; Dauer etwa zwei Minuten, frei nutzbar (Bellelli et al., 2014)
CAMAkuter Beginn und Fluktuation, Aufmerksamkeitsstörung, desorganisiertes Denken, veränderte BewusstseinslagePositiv, wenn Merkmal 1 und 2 sowie 3 oder 4 vorliegen (Inouye et al., 1990)
CAM-ICUAnpassung der CAM an die IntensivstationAuch bei maschinell beatmeten Patient:innen einsetzbar

Wichtig für die Praxis: Pflegefachpersonen führen das Screening durch und dokumentieren ihre Beobachtungen. Die ärztliche Abklärung der Ursachen und die Diagnose liegen beim ärztlichen Dienst.

Delirmanagement in der Pflege: Delirprävention im Alltag

Im Mittelpunkt der S3-Leitlinie stehen Multikomponenten-Maßnahmen ohne Medikamente – etwa strukturierte Kommunikation, Orientierungshilfen, Förderung der Mobilität und Unterstützung eines erholsamen Schlafs (DGG & DGGPP, 2026). Schon das klassische Programm von Inouye et al. (1999) setzte an sechs Stellschrauben an: kognitive Beeinträchtigung, Schlafmangel, Immobilität, eingeschränktes Sehen, eingeschränktes Hören und Flüssigkeitsmangel. Im Alltag heißt das zum Beispiel: Brille und Hörgerät bereitlegen, Uhr und Kalender sichtbar machen, früh mobilisieren, ausreichend trinken lassen und nächtliche Störungen reduzieren. Antipsychotika sollen laut Leitlinie nicht vorbeugend eingesetzt werden; jede medikamentöse Behandlung ist ärztlich verordnet.

Freiheitsentziehende körpernahe Maßnahmen sollen vermieden werden. Kommen sie bei betreuten Personen über längere Zeit oder regelmäßig in Betracht, braucht es nach § 1831 BGB grundsätzlich die Genehmigung des Betreuungsgerichts. Auch im Delir bleiben Patientenverfügung, Behandlungswünsche und mutmaßlicher Wille maßgeblich (§ 1827 BGB). Für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt sieht § 39 Abs. 1a SGB V ein Entlassmanagement vor – eine gute Gelegenheit, Informationen zum Delir an die weiterversorgenden Stellen weiterzugeben.

Praxisbeispiel: Herr B., 84 Jahre, liegt nach einer Hüftoperation auf der Unfallchirurgie. In der Übergabe heißt es, er sei „heute angenehm ruhig“. Die Pflegefachkraft im Spätdienst bemerkt jedoch, dass er kaum Blickkontakt hält und beim Essen einschläft. Sie führt ein 4AT-Screening durch, das auffällig ausfällt, informiert den Stationsarzt und bittet die Tochter um eine Einschätzung, wie ihr Vater sonst wirkt. Parallel achtet das Team auf Trinkmenge, Brille, Tageslicht und eine ruhige Nacht.

Häufige Fragen

Dürfen Pflegefachkräfte ein Delir diagnostizieren?

Nein. Pflegefachpersonen erkennen Warnzeichen, führen Screenings durch und geben die Ergebnisse weiter. Die Diagnose und die Suche nach den auslösenden Ursachen sind ärztliche Aufgaben.

Gibt es einen Expertenstandard zum Delir?

Ein Expertenstandard des DNQP zum Delir befindet sich derzeit in Entwicklung. Als fachliche Orientierung dient aktuell vor allem die S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ (AWMF-Register-Nr. 109-001).

Wie spreche ich mit Angehörigen über ein Delir?

Vermitteln Sie in ruhigen Worten – so rät es auch NICE –, dass ein Delir keine Seltenheit ist und in aller Regel wieder abklingt. Bitten Sie Angehörige um Hinweise auf Gewohnheiten und den üblichen Zustand – und laden Sie sie ein, mit vertrauten Gegenständen und Besuchen zur Orientierung beizutragen.

Ist das Thema auch in der Altenpflege relevant?

Ja. Die S3-Leitlinie richtet sich ausdrücklich auch an Pflegeeinrichtungen und die ambulante Versorgung. Eine plötzliche Veränderung bei Bewohner:innen – etwa nach einem Infekt oder einem Klinikaufenthalt – sollte an ein Delir denken lassen.

Vertiefen im Selbstlernkurs

Der Selbstlernkurs führt in 8 Modulen mit Fallbeispielen und Wissenscheck durch Einschätzung, Prävention, Begleitung und rechtliche Fragen rund um das Delir – im eigenen Tempo, mit Teilnahmebescheinigung nach Bearbeitung aller Module.

Zum Selbstlernkurs: Delirmanagement in der Pflege – Delir erkennen und vorbeugen →
Quellen

Bellelli, G., Morandi, A., Davis, D. H. J., Mazzola, P., Turco, R., Gentile, S., Ryan, T., Cash, H., Guerini, F., Torpilliesi, T., Del Santo, F., Trabucchi, M., Annoni, G., & MacLullich, A. M. J. (2014). Validation of the 4AT, a new instrument for rapid delirium screening: A study in 234 hospitalised older people. Age and Ageing, 43(4), 496–502. https://doi.org/10.1093/ageing/afu021

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. (o. J.). ICD-10-GM Version 2026: Kapitel V, Block F00–F09 – Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen. Abgerufen am 24. September 2026, von https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2026/block-f00-f09.htm

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) & Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) (Hrsg.). (2026). Delir im höheren Lebensalter – Eine transsektoral umsetzbare, interdisziplinär-interprofessionelle Leitlinie zu Delir-Prävention, -Diagnostik und -Therapie beim alten Menschen (S3-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 109-001, Version 1.0, Stand 30.04.2025, gültig bis 29.04.2029). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/109-001

Inouye, S. K., van Dyck, C. H., Alessi, C. A., Balkin, S., Siegal, A. P., & Horwitz, R. I. (1990). Clarifying confusion: The Confusion Assessment Method. A new method for detection of delirium. Annals of Internal Medicine, 113(12), 941–948. https://doi.org/10.7326/0003-4819-113-12-941

Inouye, S. K., Bogardus, S. T., Jr., Charpentier, P. A., Leo-Summers, L., Acampora, D., Holford, T. R., & Cooney, L. M., Jr. (1999). A multicomponent intervention to prevent delirium in hospitalized older patients. The New England Journal of Medicine, 340(9), 669–676. https://doi.org/10.1056/NEJM199903043400901

National Institute for Health and Care Excellence. (2023). Delirium: Prevention, diagnosis and management in hospital and long-term care (Clinical guideline CG103, zuletzt aktualisiert am 18. Januar 2023). https://www.nice.org.uk/guidance/cg103

Stand: September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Zuletzt geändert: Freitag, 25. September 2026, 10:34