Kursinhalte – PFLEGE-01

6. Modul 6 · Der individuelle Maßnahmenplan

Maßnahmenplan
ca. 45 Minutenim eigenen TempoRechtsstand: Oktober 2026Quellen nach APA 7

Was wir regelhaft tun – individuell und begründet

Der individuelle Maßnahmenplan übersetzt die Einschätzung der SIS in konkrete, regelhaft wiederkehrende pflegerische Maßnahmen. Er beantwortet die Frage: „Was tun wir bei dieser Person Tag für Tag, um ihre Wünsche und ihren pflegerischen Bedarf zu erfüllen?" Er ist das Gegenstück zum Berichteblatt: Weil die Routine hier steht, muss sie im Bericht nicht wiederholt werden. Ein guter Maßnahmenplan ist individuell (keine Textbausteine von der Stange), konkret (wer, was, wann, wie) und begründet (aus SIS und Risiko abgeleitet).

Der Maßnahmenplan ist damit das Arbeitsdokument schlechthin: Er sagt jeder Kollegin, jedem Kollegen, was zu tun ist – besonders wichtig für neue Mitarbeitende, Aushilfen und den Nachtdienst. Ein guter Plan macht Pflege reproduzierbar, ohne sie zu entpersonalisieren: Er beschreibt nicht nur die Handlung, sondern die individuelle Art, wie diese Person versorgt werden möchte. Damit ist er zugleich Qualitätsinstrument und Ausdruck von Respekt. Ein austauschbarer Plan hingegen signalisiert: Hier wird nicht ein Mensch gepflegt, sondern ein Fall abgearbeitet.

Lernziele dieses Moduls

  • Sie leiten Maßnahmen nachvollziehbar aus der SIS ab.
  • Sie formulieren Maßnahmen konkret und individuell.
  • Sie verknüpfen Wunsch (Eigensicht) und Bedarf (Fachlichkeit).
  • Sie halten den Plan aktuell und lebendig.

Merkmale eines guten Maßnahmenplans

Ein tragfähiger Plan nennt die Maßnahme, die Häufigkeit/Zeit und – wo nötig – das Wie und Warum. Statt „Körperpflege" heißt es „Ganzkörperwäsche am Waschbecken morgens, Frau S. wäscht Gesicht und Arme selbst (fördert Selbstständigkeit, s. Eigensicht), Unterstützung bei Rücken und Beinen, danach Eincremen der trockenen Unterschenkel". So wird der Plan zugleich zur Handlungsanleitung für neue Kolleginnen und zum Nachweis, dass individuell und ressourcenorientiert gepflegt wird. Je klarer der Plan das Individuelle beschreibt, desto weniger muss berichtet werden – und desto sicherer die Versorgung. Konkret heißt dabei nicht kleinschrittig: Was in internen Verfahrensanleitungen für alle gleich geregelt ist (etwa übliche Pflegemittel, die Wassertemperatur oder Selbstverständlichkeiten wie „Anklopfen“), muss im Plan nicht wiederholt werden. Beschrieben werden die individuellen Abweichungen, Wünsche und Gewohnheiten.

Vom Gespräch zur Maßnahme: die AbleitungsketteDer Plan baut Schritt für Schritt auf der SIS aufFeld BEigensicht: Was wünschtdie Person?Feld C1Themenfelder: Was zeigtdie fachliche Einschätzung?Feld C2Matrix: Welche Risikenbestehen?Verständigung über Ziele und Wünsche1Maßnahmenplankonkret, individuell2Durchführungwie geplant3Berichtnur bei Abweichung4EvaluationWirkt es?Erkenntnisse fließen in den Plan zurück
Abbildung: Ableitungskette von der SIS bis zur Evaluation. Ziele werden im Strukturmodell nicht gesondert ausformuliert; sie ergeben sich aus den Wünschen der Person in Feld B und aus der gemeinsamen Verständigung. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Vertiefung

Ressourcenorientierung statt Defizitliste

Ein häufiger Fehler ist der Defizit-Plan: Er listet nur, was die Person nicht kann, und plant vollständige Übernahme. Fachlich richtig ist die aktivierende Pflege: Der Plan benennt die Ressourcen („kann mit Anleitung selbst essen") und plant Unterstützung nur dort, wo sie nötig ist. Das erhält Fähigkeiten, stärkt Würde und Selbstwirksamkeit – und ist zugleich wirtschaftlich sinnvoll. Ein Maßnahmenplan, der vorhandene Fähigkeiten übergeht, ist fachlich unvollständig. Die Ressourcen selbst sind bereits in der SIS (Feld C1) beschrieben; im Plan wird sichtbar, welchen Teil die Person selbst übernimmt und wo sie Unterstützung erhält.

Ressourcenorientierung verlangt eine bestimmte Haltung: Geduld. Es ist schneller, jemandem die Jacke anzuziehen, als ihn selbst tun zu lassen, was er noch kann. Doch die schnelle Übernahme hat einen Preis: Sie beschleunigt den Verlust von Fähigkeiten und untergräbt das Selbstwertgefühl. Der Maßnahmenplan sollte daher aktiv festhalten, was die Person selbst übernimmt – nicht als Sparmaßnahme, sondern als Förderung. „Reicht sich das Besteck selbst an, isst mit Anleitung" ist eine fachlich hochwertige Formulierung; sie erhält Autonomie und macht Fortschritte oder Verschlechterungen sichtbar.

Defizit-Plan oder ressourcenorientierter Plan?Aktivierende Pflege beginnt im PlanDefizit-Planlistet nur, was die Personnicht mehr kannplant vollständige ÜbernahmeFähigkeiten gehen schnellerverlorenFortschritte bleiben unsichtbarRessourcenorientierter Planbenennt, was die Personselbst übernimmtUnterstützung nur dort,wo sie nötig isterhält Fähigkeiten, stärktWürde und SelbstwirksamkeitVeränderungen werden sichtbarBeispiel: „Reicht sich das Besteck selbst an, isst mit Anleitung.“
Abbildung: Defizit-Plan und ressourcenorientierter Plan im Vergleich. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Fallstudie

Der Plan, der zu niemandem passte

Bei einer Prüfung fällt auf: Fünf Bewohner haben denselben, aus Textbausteinen zusammengesetzten Maßnahmenplan. Der MD bemängelt fehlende Individualität. Im Team wird umgearbeitet: Jeder Plan bekommt einen Bezug zur Eigensicht, konkrete Zeiten, benannte Ressourcen, individuelle Vorlieben („mag lauwarmes Wasser, keine Seife im Gesicht"). Die Pflege ändert sich nicht dramatisch – aber sie wird sichtbar individuell, die Zufriedenheit der Bewohner steigt, und die Prüfung fällt beim nächsten Mal gut aus. Die Lehre: Individualität kostet kaum mehr Zeit, aber sie entscheidet über Qualität und Prüfergebnis.

Fassung B

Dieselbe Prüfung – die Antwort heißt „mehr Text“. Der MD bemängelt bei den fünf Bewohnern fehlende Individualität. Unter Zeitdruck reagiert das Team diesmal anders: Statt die Pläne neu aus der Eigensicht abzuleiten, ergänzt es die vorhandenen Textbausteine. Bei allen fünf steht jetzt zusätzlich „Anklopfen, Schamgefühl beachten, Wassertemperatur prüfen, sorgfältig abtrocknen (Intertrigoprophylaxe)“. Die Pläne sind doppelt so lang – und immer noch gleich. Die Bewohnerin, die lauwarmes Wasser und keine Seife im Gesicht möchte, findet sich darin nicht wieder, und der Nachtdienst sucht in den langen Texten vergeblich nach dem, was bei ihr wirklich anders ist.

Zur Einordnung: Mehr Text ist nicht mehr Individualität. Selbstverständlichkeiten und schematisch genannte Prophylaxen ohne festgestelltes Risiko blähen den Plan auf; genau davor warnt die EinSTEP-Handreichung zum Maßnahmenplan. Individuell wird ein Plan erst durch den Bezug zur Eigensicht, zu den Ressourcen und zu den persönlichen Vorlieben. Ob die nächste Prüfung besser ausfällt, ist offen – sicher ist, dass diese Pläne niemandem bei der täglichen Arbeit helfen.

AspektFallstudie: individuell überarbeitetFassung B: mit Textbausteinen verlängert
AusgangspunktEigensicht der Person (Feld B)vorhandene Textbausteine
Inhaltkonkrete Zeiten, Ressourcen, persönliche VorliebenSelbstverständlichkeiten, schematische Prophylaxen
Umfangkurz und handlungsleitenddoppelt so lang, aber austauschbar
Für neue Kolleginnen und Kollegensofort erkennbar, was bei dieser Person anders istdas Wesentliche geht im Text unter
WirkungPflege wird sichtbar individuellPläne bleiben „von der Stange“

Tabelle: Vergleich der beiden Fassungen des Fallbeispiels. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.

Was gehört in den Maßnahmenplan?Orientierung für einen schlanken, individuellen PlanGehört hineinindividuelle Wünsche, Vorliebenund Gewohnheitenwas die Person selbst übernimmtZeitpunkt im Tagesablaufkonkrete Maßnahmen bei Risiken,z. B. Intervall für Positionswechselärztlich angeordneteBehandlungspflegeGehört nicht hineinSelbstverständlichkeiten wie„Anklopfen“ oder „abtrocknen“übliches Vorgehen, das eineVerfahrensanleitung regeltProphylaxen als Schlagwortohne festgestelltes RisikoHilfsmittel doppelt inmehreren DokumentenPrüffrage: Was muss eine neue Kollegin wissen, um richtig zu handeln?
Abbildung: Was in einen schlanken, individuellen Maßnahmenplan gehört – in Anlehnung an die EinSTEP-Handreichung zum Maßnahmenplan (2024). Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Praxistransfer

Übung: Nehmen Sie eine Maßnahme aus einem bestehenden Plan und schreiben Sie sie um: konkret (wer/was/wann/wie), mit einem Ressourcen-Hinweis und einem Bezug zur Eigensicht. Vergleichen Sie „vorher/nachher" und lassen Sie eine Kollegin einschätzen, ob sie danach handeln könnte, ohne die Person zu kennen.

Lösungsweg anzeigen

Gehen Sie in vier Schritten vor: 1. Konkret – Wann und wo findet die Maßnahme statt, wer unterstützt wobei? 2. Ressource – Was übernimmt die Person selbst? 3. Eigensicht – Welcher Wunsch oder welche Gewohnheit aus Feld B steckt dahinter? 4. Streichen – Was ist ohnehin in einer Verfahrensanleitung geregelt und kann entfallen?

Beispiel vorher: „Körperpflege nach Standard, Dekubitusprophylaxe, Intertrigoprophylaxe.“
Beispiel nachher: „Morgens nach dem Frühstück Waschen am Waschbecken im Sitzen. Herr K. wäscht Gesicht, Oberkörper und Arme selbst, wenn Waschlappen und Handtuch bereitliegen; Unterstützung bei Rücken, Beinen und Füßen. Rasiert sich vorher selbst mit dem Elektrorasierer. Wunsch: erst nach dem Frühstück waschen (Feld B).“

Prophylaxen gehören nur in den Plan, wenn in der SIS ein Risiko festgestellt wurde – und dann als konkrete Maßnahme (z. B. das maximale Intervall für Positionswechsel), nicht als Schlagwort. Typische Lücken, die Ihre Kollegin beim Gegenlesen findet: fehlender Zeitpunkt, fehlende Angabe, was die Person selbst kann, oder ein Wunsch, der nur mündlich bekannt ist.

Kernbotschaften
  • Der Maßnahmenplan übersetzt die SIS – Eigensicht, Themenfelder und Matrix – in regelhaft wiederkehrende Maßnahmen und ist handlungsleitend für das ganze Team.
  • Individuell heißt: Wünsche, Ressourcen und Abweichungen von der Verfahrensanleitung stehen im Plan, Selbstverständlichkeiten nicht.
  • Aktivierende Pflege zeigt sich im Plan daran, was die Person selbst übernimmt und wo sie gezielt Unterstützung erhält.
  • Ein guter Plan ist kurz, konkret und aktuell: Erkenntnisse aus Berichteblatt und Evaluation fließen zeitnah ein.

Selbstreflexion (freiwillig)

Freiwillig · ohne Bewertung – Ihre Gedanken werden nicht gespeichert und von niemandem ausgewertet. Überlegen Sie zuerst selbst und klappen Sie dann den Denkanstoß auf.

1. Nehmen Sie einen Maßnahmenplan aus Ihrem Alltag: Würde die betreffende Person sich darin wiedererkennen?

Denkanstoß anzeigen
Achten Sie auf Spuren der Eigensicht: Vorlieben, Gewohnheiten, eigene Worte der Person. Fehlen sie, ist der Plan eher eine Arbeitsliste als eine Vereinbarung.

2. Wo übernehmen Sie Handgriffe, die die Person eigentlich noch selbst könnte – und warum?

Denkanstoß anzeigen
Zeitdruck ist ein häufiger Grund. Überlegen Sie, welche kleine Änderung im Ablauf (z. B. Utensilien anreichen statt übernehmen) die Selbstständigkeit erhalten würde und ob sie schon im Plan steht.

3. Welche Formulierungen in Ihren Plänen sind eigentlich Selbstverständlichkeiten?

Denkanstoß anzeigen
Prüfen Sie, ob Ihre Einrichtung dafür eine Verfahrensanleitung hat. Wenn ja, kann der Plan darauf verweisen und sich auf das Individuelle konzentrieren.

4. Wie erfahren neue Kolleginnen, Aushilfen und der Nachtdienst, was bei einer Person anders ist als üblich?

Denkanstoß anzeigen
Lautet die Antwort „mündlich bei der Übergabe“, fehlt dieses Wissen vermutlich im Plan. Der Plan soll gerade dann tragen, wenn niemand fragen kann.

Quellen zu diesem Modul

GKV-Spitzenverband. (2020). Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes über die Durchführung der Prüfung der in Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und deren Qualität nach § 114 SGB XI für die vollstationäre Pflege (Qualitätsprüfungs-Richtlinien – QPR vollstationär) vom 17. Dezember 2018 in der Fassung vom 02. Juni 2020. https://www.md-wl.de/fileadmin/MD-Westfalen-Lippe/user_upload/2020-06-23_QPR_vollstationaer_ANLASS_CORONA.pdf

Projektbüro EinSTEP. (2024). Handreichung zum Maßnahmenplan in der Pflegedokumentation nach dem Konzept des Strukturmodells „EinSTEP“ (Stand: Dezember 2024). https://lfp.bayern.de/dokumente/IKP/EinSTEP-Handreichung%20zum%20Massnahmenplan.pdf

Projektbüro EinSTEP. (2026). Informations- und Schulungsunterlagen zur Pflegedokumentation mit dem Strukturmodell in der ambulanten, vollstationären und teilstationären Langzeitpflege sowie der Kurzzeitpflege (SGB XI) (Version EinSTEP 3.1, Februar 2026). https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/69c54737566a803fbeb73e0f_EinSTEP-Information-%20und%20Schulungsunterlagen%203.1%20(EinSTEP-Internetseite%2002.2026).pdf

Sozialgesetzbuch Elftes Buch – Soziale Pflegeversicherung (SGB XI), § 11 Rechte und Pflichten der Pflegeeinrichtungen, in der im Oktober 2026 geltenden Fassung. Abrufbar unter https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/__11.html

Sozialgesetzbuch Elftes Buch – Soziale Pflegeversicherung (SGB XI), § 113 Maßstäbe und Grundsätze zur Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität, in der im Oktober 2026 geltenden Fassung. Abrufbar unter https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/__113.html

Freiwillige Selbstauskunft – wird in Ihrem Kurskonto gespeichert. Sobald alle Module als erledigt markiert sind, steht Ihre Teilnahmebescheinigung bereit.