Kursinhalte – PFLEGE-01
5. Modul 5 · Die Themenfelder der SIS
Fachliche Einschätzung mit System
Feld C1 der SIS strukturiert die fachliche Einschätzung in Themenfeldern. In der stationären Langzeitpflege sind es sechs, in der ambulanten Pflege ebenfalls sechs: Die Felder 1–5 sind gleich; das sechste heißt stationär „Wohnen/Häuslichkeit", ambulant „Haushaltsführung". Die Themenfelder decken die pflegerelevanten Lebensbereiche ab und lehnen sich an das Verständnis von Pflegebedürftigkeit an, wie es auch der Begutachtung zur Pflegeversicherung zugrunde liegt (sechs Bereiche nach § 14 Abs. 2 SGB XI). Gleichgesetzt werden dürfen beide nicht: Die Begutachtung misst den Grad der Selbstständigkeit für die Einstufung in einen Pflegegrad, die SIS beschreibt den individuellen Pflege- und Unterstützungsbedarf. Sie sind kein Abhaken, sondern ein Denkraster: In jedem Feld beschreiben Sie knapp, wie die Situation ist und welche Unterstützung nötig ist.
Der Wert dieses Rasters liegt in seiner Vollständigkeit: Es verhindert blinde Flecken. Ohne Struktur besteht die Gefahr, dass sich die Aufmerksamkeit auf das offensichtlichste Problem verengt – etwa eine Wunde – während anderes übersehen wird, etwa der soziale Rückzug oder die beginnende Kommunikationsstörung. Die Themenfelder zwingen dazu, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen. Zugleich sind sie kein starres Formular: Nicht jedes Feld muss ausführlich sein. Wo keine Auffälligkeit besteht, genügt ein knapper Vermerk; wo Handlungsbedarf entsteht, wird differenziert.
Lernziele dieses Moduls
- Sie kennen die sechs Themenfelder und ihre Inhalte.
- Sie schätzen jedes Feld fachlich und knapp ein.
- Sie erkennen Wechselwirkungen zwischen den Feldern.
- Sie leiten aus der Einschätzung Maßnahmen ab.
Die sechs Themenfelder (stationär)
| Themenfeld | Worum es geht |
|---|---|
| 1 · Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | Orientierung, Gedächtnis, Verstehen, sich mitteilen |
| 2 · Mobilität und Beweglichkeit | Fortbewegung, Transfer, Sturzrisiko |
| 3 · Krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen | Medikamente, Behandlungspflege, Symptome |
| 4 · Selbstversorgung | Körperpflege, Ernährung, Ausscheidung, Kleidung |
| 5 · Leben in sozialen Beziehungen | Kontakte, Tagesgestaltung, Teilhabe |
| 6 · Wohnen/Häuslichkeit | Wohnumfeld, hauswirtschaftliche Aspekte |
Tabelle: Die sechs Themenfelder der SIS in der stationären Pflege (Bezeichnungen nach dem SIS®-Formular). Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Vom Feld zur Maßnahme
Die Themenfelder sind der Übergang von der Wahrnehmung zur Planung. Wer im Feld Mobilität notiert „geht mit Rollator, unsicher beim Aufstehen, zweimal beinahe gestürzt", hat damit zugleich ein Risiko markiert (→ Risikomatrix) und eine Maßnahme angebahnt (→ sichere Transfers, Sturzprophylaxe). Gute Einschätzungen sind knapp, aber konkret genug, dass daraus ableitbar ist, was zu tun ist. Eine Einschätzung, aus der keine Konsequenz folgt, ist unvollständig gedacht.
Wechselwirkungen sehen
Die Felder wirken zusammen. Eine kognitive Einschränkung (Feld 1) verändert das Sturzrisiko (Feld 2), erschwert die Medikamenteneinnahme (Feld 3) und beeinflusst soziale Teilhabe (Feld 5). Wer die Felder isoliert betrachtet, übersieht die eigentliche Pflegesituation. Die Kunst der SIS liegt darin, aus den Einzeleinschätzungen ein Gesamtbild zu formen – die Person als Ganzes, nicht als Summe von Defiziten.
Diese vernetzte Sicht ist der Unterschied zwischen Anfänger und Profi. Ein Beispiel: Nachlassende Kommunikation (Feld 1) kann Schmerz signalisieren (Feld 3), zu Rückzug führen (Feld 5) und indirekt die Ernährung verschlechtern (Feld 4), weil die Person Beschwerden nicht mehr äußert. Wer nur die Ernährung im Themenfeld Selbstversorgung sieht und mehr Nahrung anbietet, behandelt das Symptom, nicht die Ursache. Die Themenfelder helfen, solche Ketten zu erkennen – vorausgesetzt, man liest sie zusammen und nicht getrennt.
Wenn Vergessen zum Ernährungsrisiko wird
Frau W. ist mobil und selbstständig, aber zunehmend vergesslich (Feld 1). In Feld 4 zeigt sich: Sie vergisst zu trinken und zu essen. Die isolierte Einschätzung „selbstständig bei der Nahrungsaufnahme" wäre falsch – erst die Wechselwirkung mit der Kognition offenbart ein Mangelernährungs- und Dehydratationsrisiko. Der Maßnahmenplan setzt an: Trinkprotokoll für vier Wochen, feste Ess-Anreize, gut sichtbar platzierte Getränke, Erinnerungshilfen. Die spätere Evaluation zeigt Wirkung – und der Fall wird im Team zum Lehrbeispiel dafür, warum Felder nie isoliert gelesen werden dürfen.
Dieselbe Bewohnerin – Felder einzeln gelesen. Frau W. ist mobil, selbstständig und zunehmend vergesslich. In Themenfeld 1 wird die Vergesslichkeit notiert, in Themenfeld 4 steht „selbstständig bei der Nahrungsaufnahme“. Eine Verbindung zwischen beiden Einträgen zieht niemand; in der Risikomatrix bleibt „Ernährung“ bei „nein“. Erst Wochen später fällt auf, dass ihre Kleidung weiter geworden ist und sie tagsüber häufiger durcheinander wirkt. Die Hausärztin bittet darum, Gewicht und Trinkmenge zu beobachten.
Zur Einordnung: Jede einzelne Einschätzung war für sich genommen nicht falsch. Das Risiko entstand aus dem Zusammenspiel von Kognition und Selbstversorgung – und genau das blieb unsichtbar. Maßnahmen wie Trinkerinnerungen oder feste Ess-Anreize beginnen so erst, nachdem sich die Situation bereits verschlechtert hat.
| Aspekt | Fallstudie: Felder zusammen gelesen | Fassung B: Felder einzeln gelesen |
|---|---|---|
| Themenfeld 1 | zunehmend vergesslich | zunehmend vergesslich |
| Themenfeld 4 | vergisst zu essen und zu trinken | „selbstständig bei der Nahrungsaufnahme“ |
| Risikomatrix: Ernährung | Risiko erkannt | nicht erkannt |
| Maßnahmen | Trinkprotokoll, feste Ess-Anreize, sichtbare Getränke, Erinnerungshilfen | zunächst keine |
| Verlauf | Evaluation zeigt Wirkung | Verschlechterung fällt erst später auf |
Tabelle: Vergleich der beiden Fassungen des Fallbeispiels. Quelle: eigene Darstellung, KI-unterstützt.
Übung: Wählen Sie eine pflegebedürftige Person und schätzen Sie alle sechs Themenfelder in je einem Satz ein. Markieren Sie anschließend zwei Wechselwirkungen zwischen Feldern, die pflegerisch bedeutsam sind, und leiten Sie daraus je eine Maßnahme ab.
Lösungsweg anzeigen
Gehen Sie in drei Schritten vor. 1. Je Themenfeld ein Satz: Situation und Unterstützungsbedarf, zum Beispiel „Themenfeld 2: geht mit Rollator, unsicher beim Aufstehen“. Wo nichts auffällt, genügt ein kurzer Vermerk. 2. Querverbindungen suchen: Fragen Sie bei jedem Feld, ob es sich auf ein anderes auswirkt. Typische Paare sind Kognition und Selbstversorgung (Essen und Trinken vergessen), Kognition und Mobilität (verändertes Sturzrisiko) oder nicht geäußerte Beschwerden und soziale Teilhabe (Rückzug). 3. Maßnahme ableiten: Formulieren Sie für jede Wechselwirkung eine konkrete Maßnahme und notieren Sie, woran Sie bei der Evaluation erkennen, ob sie wirkt.
Prüfen Sie zum Schluss die Risikomatrix: Ist jedes Risiko, das sich aus den Wechselwirkungen ergibt, dort auch markiert?
- Feld C1 gliedert die fachliche Einschätzung in sechs Themenfelder; das sechste heißt stationär „Wohnen/Häuslichkeit“, ambulant „Haushaltsführung“.
- Die Themenfelder lehnen sich an die Bereiche des Begutachtungsinstruments an, ersetzen es aber nicht – die SIS beschreibt den individuellen Bedarf.
- Eine gute Einschätzung ist knapp und zugleich konkret genug, dass sich Risiko und Maßnahme daraus ableiten lassen.
- Die Felder werden zusammen gelesen: Erst die Wechselwirkungen zeigen die eigentliche Pflegesituation.
Selbstreflexion (freiwillig)
Freiwillig · ohne Bewertung – Ihre Gedanken werden nicht gespeichert und von niemandem ausgewertet. Überlegen Sie zuerst selbst und klappen Sie dann den Denkanstoß auf.
1. Welches Themenfeld fällt in Ihren Einschätzungen meist besonders kurz aus – und warum?
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2. Denken Sie an eine Person, die Sie gut kennen: Welche Wechselwirkung zwischen zwei Themenfeldern ist bei ihr am wichtigsten?
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3. Woran merken Sie, dass eine Einschätzung nur „abgehakt“ und nicht wirklich durchdacht wurde?
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Quellen zu diesem Modul
Beikirch, E., Büscher, A., Entzian, H., Fleer, B., Nolting, H.-D., & Roes, M. (2016). Das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation und das neue Begutachtungsinstrument zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit – Unterschiede und Zusammenhänge (Stand: 13.07.2016) [Anlage 7 der EinSTEP-Informations- und Schulungsunterlagen, Version 3.0]. Projektbüro EinSTEP. https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/683eeccb64b75f56433486b4_Anlage%207_Thesenpapier%20NBI%20und%20SIS_2016_V3.0.pdf
Projektbüro EinSTEP. (o. J.-a). Funktion der SIS® und Matrix – ambulante Pflege [Anlage 1a der Informations- und Schulungsunterlagen, Version EinSTEP 3.0]. https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/683ed9751fb90c710c9fd8bd_Anlage%201a_SIS_Erla%CC%88uterungen_ambulant_V3.0.pdf
Projektbüro EinSTEP. (o. J.-b). Funktion der SIS® und Matrix – stationäre Pflege [Anlage 1b der Informations- und Schulungsunterlagen, Version EinSTEP 3.0]. https://cdn.prod.website-files.com/66867cfecea6f93a2305684f/683edad59a33711233b5e512_Anlage%201b_SIS_Erla%CC%88uterungen_stationa%CC%88r_V3.0_.pdf
Sozialgesetzbuch Elftes Buch – Soziale Pflegeversicherung (SGB XI), § 14 Begriff der Pflegebedürftigkeit, in der im Oktober 2026 geltenden Fassung. Abrufbar unter https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/__14.html